Ein ganz bisschen Demut...

...hat noch niemandem geschadet. Wie eingespielt ging es morgens ans Bloggen, Türkisch lernen und auch in eine Diskussion über das neueste literarische Werk meines ehemaligen Kriminalistikdozenten, ohne dabei die angehende Tagesplanung aus den Augen zu verlieren. Ohne dem gleich gearteten Schuhfanatismus einer meiner Freundinnen nacheifern zu wollen, muss ich eine gewisse Obsession bezüglich eines Schuhladens eingestehen, denn hier finden sich Schuhe und Taschen, wie ich sie nirgendwo in den durch mich bereisten Ländern gefunden hätte: in liebevoller Handarbeit gefertigte Schuhe mit individuellen Schriftzügen, Mustern und Bildern. Mein dem Kaufrausch ebenfalls verfallener Ehemann ermöglichte mir den Kauf zweier Paar Schuhe und einer Tasche, über die ich den gesamten Tag hinweg so glücklich war, dass es für Carsten kaum möglich war, mit dem Strahlen genauso das sonnenintensive Izmir zu erhellen, wie die ihm gegenüber sitzende, oftmals fälschlicherweise als Almancı bezeichnete Frau. Kurze (türkische) Zeit später, geleiteten Yelda und Mürsel uns entlang des Meeres nach Alsancak, wo wir gut gelaunt Pizza, Hühnchenspieße und, wie üblich, sparsam gesalzene Pommes kosteten. Zum ersten Mal in den zwei Wochen, die Carsten auf mindestens ein weiteres Jahr verlängern möchte, bekam ich bei Starbucks einen Milchkaffee, als unsere wohlwollende Unterhaltung durch Mürsels Anmerkung, er müsse zum Nachtdienst, einen traurigen Beigeschmack erhielt- zu sehr liebe ich meine über die Jahre andauernde Freundschaft zu diesen liebevollen Menschen und Carsten in seiner Begeisterung für eben diese Freunde zu sehen, ist für mich, ähnlich wie Papas und meine Reise nach Istanbul, der Schlüssel zu meinem Herzen. So kam es zu einem emotionalen Abschied mit dem ernstgemeinten Versprechen wiederzukommen und unsere Freunde nach Bremen zu holen, was für türkische Staatsbürger wesentlich schwieriger ist, als umgekehrt. Den Abend wollte Carsten in unserer liebgewonnenen Kaos Bar bei Dart und Snacks verbringen, was nicht nur zu einem freudigen Wiedersehen mit unseren, von ihrer für sie ungewohnt höflichen Art begeisterten Kellnern, sondern auch zu spannenden Wettkämpfen führte. Kellner, als auch andere in diesem Land nicht mit entsprechenden Einstellungsvoraussetzungen, bedachten Arbeiter sind hier Anerkennung nicht so gewohnt, wie vielleicht anderswo. Und so wurden uns, wie schon so oft, Kleinigkeiten kredenzt, die der durch uns aufrichtig geschenkten Aufmerksamkeit geschuldet waren, so dass wir nicht nur einen vergnüglichen Abend verbringen, sondern Carsten auch endlich midye, türkische Muscheln, kosten konnte. Der krönende Abschluss aber war der Moment, in dem die Kellner einige, vermutliche fehlerhafte Sätze auf der Dart-Tafel vorfanden und ungläubig nach dem Adressaten fragten. Als ich ihnen erklärte, dass der auf der Tafel etwas hilflos formulierte Dank ihnen gelte, passierte eben das, wovon ich seit Jahren berichte: in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Rührung rannte der erstbeste Kellner los und überreichte uns mit einem freudigen Strahlen im Gesicht zwei Kaffeebecher der Bar. Wer jetzt denkt, dass zwei Becher im umgerechneten Wert von maximal zehn Euro keine Besonderheit sind: wo in Deutschland wird ein im gebrochenden Deutsch sprechender Ausländer überhaupt mit Freude über sein Bemühen die Landessprache zu erlernen, auf seine Herkunft, sein Interesse an dem Land oder überhaupt lobend angesprochen? Und wer schenkt zwei Ausländern aus Begeisterung über ein paar in der Muttersprache gestotterten Sätze ein Andenken? Wir können uns von dieser aufrichtigen Begeisterung und Gastfreundschaft mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Vielleicht bedeuten Kaffeebecher nicht die Welt. Aber sie bedeuten in diesem Zusammenhang etwas viel Wichtigeres: Menschenfreundlichkeit. Allein deswegen, aber auch wegen der zahlreichen, weiteren, wundervollen Erfahrungen, ist es mir eine Freude mitzuteilen, was mein Mann sich innig wünscht: nächstes Jahr wiederzukommen. Ich werde die letzte sein, die es nicht zu ermöglichen versucht. Ich bin jedes Mal dankbar für jede Begegnung. Und es ist eine Freude diese Dankbarkeit zu teilen!

5.7.15 00:59, kommentieren

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Ihr seid ja Originale!

Dem Gastbeitrag geschuldet, fiel der allmorgendliche Türkischunterricht aus und es ging direkt Richtung Çeşme, um am Strand zu lesen, das Meer zu genießen und sich der heißen Mittagssonne auszusetzen. Einer der älteren Dauerstrandgäste grüßte uns freundlich, gesellte sich später zu uns und begann das für uns schon gewohnte Gespräch, das in aufrichtiger Entzückung endete, als wir unseren Heimatort benannten, in dem sein Onkel, ein sozialistischer Flüchtling, nun seit dreißig Jahren wohnt und als Frauenarzt arbeitet. Die nette Unterhaltung mündete in der Feststellung, wir seien echte Originale (scheint hier ja auch eine Besonderheit zu sein) und bevor wir uns wieder ins Meer begeben konnten, kamen wir nicht umhin die sympathisch wirkende Männergruppe neben uns zu bemerken. Zum Einen konnte ich das herrlich langsame Türkisch sofort einordnen und zum Anderen bestätigte sich die Annahme, dass es sich hier um Deutsche handelt, in dem Moment, in dem sie in herrlich akzentfreiem Deutsch die Schönheit dieses Ortes anpriesen. Um Carsten der Lösung einer bislang durch mich nicht beantworteten Frage näher zu kommen, quatschte ich die Gruppe also beherzt an, um bei Ihnen den Unterschied zwischen hanım, bayan und kadın zu erfragen, alles Wörter, die mit 'Frau' übersetzt werden und deren richtige Anwendung ich eher intuitiv als bewusst tätige, meinem wissbegierigen Mann jedoch nicht erklären konnte. Die ausgesprochen freundlichen gebürtigen Mönchengladbacher, die derzeit in Dortmund leben, freuten sich über unser Interesse und bemerkten lachend (und wahrlich zurecht), dass ihr Deutsch deutlich besser als ihr Türkisch sei, fingen jedoch an zu recherchieren und den mitgereisten Einheimischen zu fragen. Bei einer interessanten Unterhaltung mit dem bei Johnson&Johnson angestellten Werbekaufmann und dem ebenfalls in der Marketingbranche tätigen jungen Mann, wurden neben Grammatikregeln, auch Reisetipps und -erfahrungen ausgetauscht. Die netteste Geschichte jedoch war der Besuch beim Friseur, der aus der Sicht der Brüder deutlich überteuert war und sie vermuteten aufgrund ihres eindeutig zu erkennenden deutschen Akzents, als Touristen entlarvt worden zu sein, woraufhin der Werbekaufmann seinem jüngeren Bruder anriet, nach einer Aufschlüsselung der Kostenposition zu fragen. Die Antwort des Jüngeren rief bei uns Zustimmung in Form eifrigen Kopfnickens hervor: 'Ich geb dir gleich Kostenposition!' dürfte tatsächlich die Antwort gewesen sein, hätte er danach verlangt. Der anschließende Spaziergang durch den Ort, bot zahlreiche Motive zum Fotografieren und eine zufriedene, wenn auch erschöpfte Rückfahrt bot die Aussicht auf ein bisschen Erholung und ein kurzes Nickerchen, bevor wir Mürsel sein Auto zurückgeben und in Alsancak tantuni zu uns nehmen wollten. In einer der Seitengassen fanden wir zahlreiche, liebevoll eingerichtete Cafés vor, wo wir uns sofort begeistert niederließen und schnell feststellen konnten, wie richtig unser Gefühl war. Der Wein wurde mit kunstvoll geschnittenem Obst und Käse gereicht, das Bier von der einfachen Flasche in einen Krug umgefüllt und durch einen unheimlich fröhlichen Kellner mit einer Herzlichkeit kredenzt, dass wir entgegen unser ursprünglichen Vorstellung bis tief in die Nacht in Alsancak verblieben, bevor wir uns zum ersten Mal von einem Taxifahrer abzocken ließen, der für die auf Erfahrung basierend drei Euro teuren Fahrt, fünf Euro berechnete. Wenn das unser schlimmstes Erlebnis unserer Flitterwochen ist, können wir mehr als zufrieden sein... P.S. Von Carsten für Sanne: Natürlich nicht! Ich breche mir so sehr die Finger, dass lediglich die Begeisterung über die Fähigkeiten deiner Tochter meinen Ehrgeiz geweckt haben und mich die Qualen ertragen lassen. Küssi

4.7.15 12:04, kommentieren

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Jeder kennt den Moment, wenn ein unbekanntes, aber sehr durchdringendes Geräusch den eigenen Schlaf komplett abrupt beenden lässt. Bei uns war es das wahnsinnig laute Telefon, das in einem unangenehmen Rhythmus, als auch ungewohntem Ton schellte. Jeder kennt auch den Moment, in dem man durch einen weiteren Umstand sofort wach ist, sei es der Blick auf die Uhr und die Feststellung verschlafen zu haben oder, um nicht nur Negationen aufzuführen, dass endlich Weihnachten ist. In unserem Fall war es weder die Uhrzeit, noch der Weihnachtsmann, es war Mürsel, der erklärte, wir müssten umgehend das Auto wegfahren, da es sonst durch die Polizei abgeschleppt werde. Noch nicht richtig Herr seiner Sinne, sprintete Carsten gen Leihfahrzeug und ich klärte verdutzt mit dem sich für die frühe Störung immer wieder entschuldigenden Mürsel, warum das Auto, welches selbstverständlich auf einem regulären Parkplatz stand, nun so dringend wegmüsse. Eine Demonstration stand an und da Carsten einfach nicht wiederkam, machte ich mich auf die Suche, deren erster Halt bei einer Verkehrspolizistin sein sollte, die meine Notlage oder besser gesagt, die von mir befürchtete Notlage meines Mannes ausgesprochen kalt ließ und die mir verdeutlichte, dass es nicht ihr Problem sei, dass mein Mann kein Türkisch spreche. Carstens Lerneifer in allen Ehren- ich machte mir keineswegs Sorgen, dass er verkehrsbedingt in Schwierigkeiten geraten könne, ist er doch schon länger als ich und in deutlich mehr Großstädten Auto gefahren- meine Befürchtung stützte sich vielmehr darauf, keine Straßenschilder und Verkehrszeichen lesen zu können, da Parkeinschränkungen hier gerne wortreich, nur eben auf Türkisch, beschrieben werden. Da die Polizistin mir keine Hilfe war und mir auch nicht sagen konnte, wo Carsten abgebogen war, wollte ich wieder auf unser Zimmer, um zu überprüfen, ob sich ein Anruf auf dem Handy meines Mannes lohnen würde oder er es in der Hektik hatte liegen lassen. Auch dieses Vorhaben stellte sich als eine Einbahnstraße heraus, da meine Karte für unsere Zimmertür, bestimmt, wenn ich näher hingehört hätte, von hämischem Gelächter begleitet, die Tür nicht mehr öffnete. Gerade als ich etwas überrascht über diese Wendung ein Stoßgebet gen Himmel schicken wollte, kam Carsten, sich für die Verspätung entschuldigend, um die Ecke und ich lauschte erleichtert den etwas erbosten Schilderungen über die Parkplatzsuche. Zumindest hatte sich unser kleiner Sprachkurs so gelohnt, dass Carsten einem Restaurantbesitzer erklären konnte, dass wir mit dem Auto nach Çeşme wollten, aber es keine Parkplätze gebe, woraufhin der Besitzer Carsten einen privaten Platz für zehn Lira (dieser Halsabschneider!!!!!!) zur Verfügung stellte. Ohne mich nun über dieses Ausnutzen der Situation meines Mannes aufzuregen, zog ich mich umgehend um, um endlich in der Sonne am Strand zu liegen. Die Fahrt nach Çeşme ist seit dem Ausbau der Autobahn ebenso schön wie einfach, überwiegend entlang des Meeres, wodurch der geneigte (Bei-)Fahrer der immer aufs Neue erstaunlichen, monumentalen Größe dieser Stadt gewahr wird und die über Berge hinauf inmitten durch immer grüner werdende Landschaften führt, bis man den Hafen von Çeşme erreicht. Die Veränderungen des, gerade für die Großstadttürken, aber auch in den letzten Jahren vermehrt für Türken aus Deutschland, als Ferienort genutzten Städtchens, fielen mir eingangs nicht bewusst auf, half ich doch meinem Fahrer bei der Strandsuche, doch dass etwas nicht stimmte, spürte ich deutlich. Am Strand angekommen, bemerkten wir nicht unwirsch die zahlreichen Wolken am Himmel, aber mein mich stets begleitender Optimismus sollte Recht behalten: alsbald verzogen sich die Wolken, wir brutzelten geradezu in der Sonne (ein belustigter Blick auf den Bikini, der sich auf meiner Haut abzeichnete, als ich ihn eben nicht trug, bestätigt das nach wie vor) und genossen das kühlende, kristallklare Wasser zwischen den immer zahlreicher angereisten Touristen. Am späten Nachmittag zog es uns in den Stadtkern, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ich, entgegen der Gabe meines Mannes, es nicht schaffe mich einmal am Tag mit Essen geradezu vollzustopfen, um dann den Rest der verbliebenen Stunden ohne Hungergefühl verbringen zu können. Ich bin mehr der altmodische 3-Mahlzeiten-pro-Tag-Typ. Ohne Stopfen. So fanden wir ein schnuckeliges Fischrestaurant, wo wir Calamares und köfte serviert bekamen. Zu meinem großen Erstaunen, erklärte Carsten nur dreimal so köstliche Calamares gekostet zu haben: Bei einem Griechen in Hamburg, in Köln und einmal hier, was mich zum Probieren animierte und entgegen meiner sonst eher deutlich ausgeprägten Abneigung gegenüber Meerestieren ein wohlwollendes Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Das war kein salziges Gummi, auf dem ich herumkauen musste, bis es endlich einigermaßen verdaufertig war, das war wirklich köstlich. Gestärkt und gut gelaunt zog es uns in den malerischen Ort, wo mir endlich auffiel, was sich verändert hatte. Noch vor fünf Jahren hatte bei meinem letzten Besuch eine überschaubare Menge an Segelbooten vor Anker gelegen, nun waren diese vor allem in ihrer Anzahl verzehnfacht, aber auch noch von kleinen Luxusjachten umgeben. Die niedlichen, aber wenig vorhandenen Boutiquen waren zahlreichen, wenn auch äußerst geschmackvoll aufgemachten Geschäften gewichen und wo früher ein Sandkasten war, erstreckte sich nun ein kleiner Vergnügungspark für die angereisten Kinder. Auch die Anzahl der kleinen Verkaufsstände hatte sich verringert und wurde durch schicke Lokale ersetzt. Immer noch wunderschön, geradezu eben malerisch mutete der sich uns bietende Anblick an, doch war ich mir nicht sicher, ob ich dieses 'türkische Cannes' ebenso charmant finden würde, wie ich den natürlichen Anblick dieses Ortes vor Jahren in mir aufgesogen hatte. Die Suche nach einem Motiv, das ich 2010 eben hier fotografiert hatte und nun über Leonis Bett hängt, verlief leider ergebnislos, so dass ich verstimmt über die Veränderungen, aber doch ein wenig verzaubert über die wunderbaren neuen Motive, glücklich einstimmte, als Carsten in seiner ihm anzumerkenden Begeisterung vorschlug, den aus Sicherheitsgründen im Hotel zurückgelassenen Fotoapparat am nächsten Tag einzupacken und noch einmal hierher zu fahren. Zufrieden machten wir uns auf den einfachen Rückweg nach Izmir, wo wir inmitten in die Gedenkdemonstration der Opfer von dem 1993 in Sivas durchgeführten Abschlags gelangten. Mir wird immer noch ein wenig mulmig, wenn ich die Bereitschaftspolizisten mit ihren Wasserwerfern und Maschinenpistolen sehe, fühle ich mich doch sehr schnell in die Zeit vor zwei Jahren zurückversetzt, wo ich gemeinsam mit so vielen Menschen für die Rechte der Demonstranten in Istanbul demonstriert, gehofft und mitgefiebert habe. Vor dem Hotel wurde uns über einen der Angestellten eine Parkmöglichkeit eröffnet und mit noch nassen Haaren erhielt ich einen erlösenden Anruf eines Staatsanwalts mit der Nachricht der Verurteilung aus dem für mich wichtigsten Verfahren. Die Höhe der Verurteilung, die Begründung und alles was sich aus den kurzen Schilderungen des Mannes ergab, der so lange gemeinsam mit mir an diesem Fall gearbeitet hatte, ließen Carsten und mich ordentlich feiern. Selten, wirklich nur selten, kommt das Recht der Gerechtigkeit sehr nahe. Bei einem mehr als späten, aber immer noch glücklichen Abendessen kündigte mein Mann das an, was er sich seit wir hier sind schon lange vorgenommen hatte: selbst seine Eindrücke unseres Aufenthalts zusammen zu fassen. Und eben diese Eindrücke folgen jetzt: Gebt mir meinen Sohn zurück! Ich reise mit meiner Türkisch sprechenden Frau in einer wundervollen, touristisch nicht erschlossenen Gegend im Dunstkreis einer wundervollen, touristisch nicht erschlossenen Großstadt. Das hat diverse Vorteile. Z.B. dass man mich gelegentlich für einen Franzosen hält. Wenigstens in Alsancak, wo das französische Konsulat um die Ecke liegt. Wenn wir uns im Schatten aufhalten und mal keinen Rucksack samt Kamera dabei haben, gehe ich optisch offensichtlich auch als Türke durch, bis ich meinen Mund aufmache. Meine Frau ist natürlich Türkin. Bis sie ihren Mund aufmacht, dann ist sie Deutschtürkin und ich ihr deutscher Mann. Das Tolle an den Türken ist, dass ihre glühende Liebe zu ihrem Land ihr Herz jedem gegenüber öffnet, der offensichtlich versucht, sich Ihnen gegenüber in der Landessprache verständlich zu machen. Wie ich natürlich. 'Gucken du, geben dich Kaffee Wasser mal und' oder so ähnlich. Freundliches Lächeln sowie kleine Aufmerksamkeiten sind mir gewiss. Wenn meine Frau Türkisch spricht, klingt das für mich, als würde sie nicht nur die Bestellung aufgeben, sondern darüber hinaus die Zubereitung der Speisen erörtern und ein intensives freundliches Gespräch führen sowie die unverständliche Bestellung ihres Mannes geraderücken. Daher wunderte ich mich anfangs etwas über die, wie ich es empfand, höfliche Reserviertheit des Personals. Bis ich verstand, dass das Vorstellungsvermögen des Türken nicht ausreicht, sich auszumalen, dass eine Deutsche aus reiner Liebe zu diesem Land die Sprache lernt. Vielmehr ziehen sie den logischen Schluss, dass es sich um eine 'Deutschländerin' handeln muss, was die geläufige Übersetzung dieses wenig schmeichelhaften Begriffs ist. Aber neugierig sind sie dann ja doch. Vor allem, weil sie es nicht gewohnt sind, als Kellner, Verkäufer oder ähnlich wenig angesehene Werktätige so sonnig bequatscht zu werden. Also fragen sie nach. Und fallen aus allen Wolken, wenn sie erkennen, dass die Vorfahren meiner Gattin vielleicht der Bartholomäusnacht, jedenfalls nicht der Armut Ostanatoliens entflohen sind. Zack, Türke begeistert und meine Frau die Größte. Und dann gibt's Obstteller. Geht doch. Man kann es übrigens auch als 'Deutschländerin' in der Türkei weit bringen. Als Schauspielerin in einer Mittelalterschmonzette als Haremsdame. Und einen der offenbar berühmtesten Sätze der Fernsehgeschichte zu sagen: 'Gebt mir meinen Sohn zurück!'

3 Kommentare 3.7.15 10:28, kommentieren

Das sieht ja aus wie Alsancak!

Während ich an diesem schönen Morgen fleißig bloggte, tigerte Carsten Vokabeln lernend und konjugierend durch den Raum, unterbrach seinen sechs-Meter-Sprint lediglich fürs Kaffee kochen oder um kurze Nachfragen zu halten. Fleißig eben. Auch beim Frühstück ging Türkisch für Anfänger weiter und sollte nur über die Freude, dass die Fähre mit der Kent Kart zu benutzen ist unterbrochen werden, schließlich boten auch die Schilder Anlass zum Sprachenverständnis und so ging es plappernd und gut gelaunt übers Meer, damit wir endlich Karşıyaka, einen weiteren Stadtteil der 4-Millionenstadt, sehen konnten. Der Menschentraube folgend ging es kurze Zeit später an Land und fröhlich über die vier verschiedenen Wörter für 'Frau' diskutierend, über aufgerissene Straße in eine Fußgängerzone. In einem kleinen Souvenirshop fanden wir nette Kleinigkeiten, betrachteten die vielfältigen Auslagen und schlenderten gefühlt in den Stadtkern. Nur gefühlt?! Die verschiedenen Geschäfte betrachtend, häufte sich die Aussage der beiden Touristen wie ähnlich sich Alsancak und Karşıyaka doch seien, während wir der Hauptstraße folgend immer noch vertieft in unsere Gespräche leider eines übersahen... Auch wenn Carsten im Nachhinein erklärte, dass es ihm immer noch nicht aufgefallen sei, als wir die Kaos Bar sahen, ich über die Anordnung der Cafés sinnierte und irgendwann fassungslos vor Ohannes Burger, dem Lieblingsschnellrestaurant von Mürsel stand, dass es nicht nur so aussah wie in Alsancak, sondern dass wir auch tatsächlich in Alsancak waren! Die Fähre hatte einen Zwischenstopp, den wir über unsere Gespräche hinweg nicht bemerkt hatten und der nur zu bestimmten Zeiten stattfindet, eingelegt und uns an einer Stelle dieses Stadtteils entlassen, der uns bislang so gar nicht bekannt war, was eine weitere Fährfahrt erforderte, die uns endlich und über das Missverständnis lachend ans Ziel brachte. Während es hier viel turbulenter zuging, wir einigen Läden einen Besuch abstatteten und die Hitze nur durch einige Windböen erträglich wurde, entschlossen wir uns alsbald eine kurze Rast einzulegen, nicht zuletzt wegen meiner mittlerweile mehr als geschundenen Füße. Carsten entdeckte ein gemütliches Café, wo bei türkischem Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft eine Ruhe über uns kam, die auch nicht durch die geräuschvoll verrückten okey-Steine oder die fleißig umherschwirrenden Kellner gestört werden konnte. Nach der Erfrischung zogen wir durch den uns unbekannten Stadtteil, entdeckten eine nette Boutique, staunten über die Fleischer, wobei mein Mann fürsorglich sicherstellte, dass ich das ein oder andere Fenster, in dem auch die Schädel ausgestellt waren, nicht zu sehen bekam und erschreckten uns über die fortgeschrittene Zeit, so dass wir zunächst den Heimweg antraten. Leider vergeht die Zeit hier wie im Fluge und die Ruhe, die wir gemeinsam finden, ist so erholsam, dass es viele Momente gab, die wir am liebsten festgehalten hätten. Im Hotel angekommen hübschten wir uns füreinander auf und stellten fest, wie selten ein Kurzstreckentaxi kommt, wenn man eines braucht. Also trugen uns die leidgeplagten Füße selbstständig, diesmal gewollt, nach Alsancak, wo wir in einer Seitengasse ein nettes Restaurant entdeckten und erst vortreffliche Vorspeisen und anschließend einen guten Hauptgang genossen. Besonders nett wurde es, als einer der Kellner das übliche Gespräch begann, sich über unser Interesse an seinem Land erfreute und uns einen weiteren Badeort beschrieb, um uns abschließend einen köstlichen Obstteller zu spendieren, den wir mit vollgestopften Bäuchen nicht komplett zu leeren vermochten. Um den Abend abzurunden, ging es zum Dart spielen in die uns ans Herz gewachsene Bar, wo ich knapp das Spiel für mich entscheiden konnte. Aber das ist halt nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass wir soviel Ruhe hatten und sie gemeinsam genießen konnten, das muss auch mal sein.

3 Kommentare 3.7.15 00:11, kommentieren

Ne demek!

Unser fröhlicher Morgen war wieder durch das Bloggen, türkisch lernen und lustige Gespräche wie im Fluge vergangen, als es Richtung Konak zum 'Frühstück' ging. Die Wege sind uns mittlerweile so vertraut, dass wir ohne Mühe die Seitengassen nicht nur registrieren, sondern auch die Eindrücke von dort aufsaugen können, wo uns doch die Füße automatisch zum eigentlichen Ziel tragen. Der Vorteil daran zeigte sich schnell, da wir nahezu gleichzeitig vor einer Gasse stehenblieben, die dem ersten Anschein nach einem Bienenschwarm glich, wenngleich es natürlich Menschen waren, die eifrig um die dort aufgebauten Tische schwirrten und die Gäste bedienten. Auf gleiche Art von dem Anblick fasziniert, brauchte es keine zwei Sekunden, in denen unsere ausgetauschten Blicke verrieten, wie gerne der jeweils andere dort essen würde und schon nahmen wir an einem Tisch Platz und wurden auch schon von einem Kellner aufgefordert zu bestellen, bevor wir die Umgebung genauer hätten betrachten, geschweige denn einen Blick auf die nicht vorhandene Speisekarte hätten werfen können. So führte uns der etwas hektisch wirkende, aber sehr freundliche Kellner, in die mitten im Restaurant stehende Küche und erklärte schnell, zwischen türkisch und englisch wechselnd, die verschiedenen Gerichte, wo Carsten sich für köfte und ich mich angesichts dieser wirklich leckeren Köstlichkeit, für yaprak sarma, also gefüllte Weinblätter entschied. Wieder am Tisch, hatten wir Zeit, die, wie üblich in solchen Restaurants, mit Laken zwischen den Häusern behangene Gasse ein wenig genauer zu betrachten. War das, trotz aller durch die Kellner verbreitete Hektik, gemütlich! Das ebenso schnell gebrachte, wie bestellte Essen war wirklich köstlich und die Gespräche über vorangegangene Urlaube konzentrierten sich insbesondere auf diese Art des Entdeckens, bekommen wir doch aufgrund der Abwesenheit anderer Touristen hier sehr ungefiltert das Leben der Menschen mit. Aber nicht nur das Neue für Carsten, auch die neuen Wörter für mich, gestalten unsere Flitterwochen sehr interessant, musste ich doch beim Bezahlen ein wenig über das 'Ne demek!' des Kellners nachdenken, das ich, aus meinem eigenen häufigen Gebrauch heraus, als 'Was bedeutet ...?' kenne. Doch unsere weitere Reise durch Konak, mit dem Überqueren einer der Hauptverkehrsstraßen über die Metro-Station, vorbei am Polizeigästehaus und der Suche nach dem Asansör (Fahrstuhl), ließen mich diese Redewendung zunächst vergessen. Eine Nachfrage bei einem freundlichen Taxifahrer später, wussten wir, wie richtig wir bislang gegangen waren und fanden uns alsbald in der Dario Moreno gewidmeten Straße wieder, die zum Asansör führt. Herr Moreno, ein populärer Sänger, der in Izmir gewohnt und in Istanbul gestorben war, wurde sogleich musikalisch von meinem Mann versucht, einzuordnen, er vermutete eine Ähnlichkeit zu Django Reinhardt, was sich im weiteren Verlauf des Tages zwar als falsch herausstellte, jedoch, da ich weder den einen, noch den anderen kenne, für mich erst einmal plausibel klang. Am ursprünglich für Kranke und Schwangere erbauten Fahrstuhl angekommen, fuhren wir flugs nach oben, um die Aussicht über Izmir zu genießen und nach diversen, unauffällig durchgeführten Sicherheitsüberprüfungen, traute ich mich auch weiter hinaus auf die Plattform, um die Größe und Weite dieser Stadt zu bestaunen. Bei einem kleinen Spaziergang entdeckten wir ein schattiges Plätzchen, ließen uns auf der Bank nieder und genossen die Aussicht und einigten uns darauf, dass Izmir, wie nahezu alle Großstädte weder schön, noch von einem architektonisch sehenswerten Stadtbild geprägt ist, es sei denn Satellitenschüsseln zählen in die Neumoderne. Und doch war es mir nicht entgangen, wie Carsten mit einem sehr liebevollen Blick auf diese Stadt sah, als wir am Meer entlang unseren Rückweg antraten. Natürlich ist es meine Affinität, die ihn großzügig auf die Dinge blicken lässt, die sich uns hier bieten, doch merkte er selbst an, dass er die Liebe zu dieser Stadt nicht nur verstehen, sondern längst selbst entwickelt hatte, ist es doch schwer, sich dem Treiben und dem Zauber dieser Metropole zu entziehen. Es sei denn, man möchte einfach nicht. Zurück in Konak entdeckten wir einen von uns noch nicht frequentierten Teil des Basars, ließen uns treiben, entdeckten hier und da neue Geschäfte und betraten auf Carstens Drängen hin ein Geschäft, in dem er eine rote Schlaghose gesehen hatte. Ein Hemd für meinen glücklichen Ehemann, eine rote Hose für mich und eine irritierte Nachfrage eines Verkäufers bezüglich meiner Nationalität später, stand Carsten also vor gefakten Chucks, bei denen er schnell feststellte, was ich mich nicht traute zu sagen: natürlich sehen sie heutzutage täuschend echt aus, wo doch die Türkei, sehr zum Leidwesen meines Vaters, weg von den Nike-T-Shirts mit Adidas-Streifen ist, doch ist das Fußbett mit ungefähr soviel Präzision gearbeitet, wie türkische Zeitangaben. Also ließen wir die Chucks stehen, in der Hoffnung bei unserem Besuch in Karşıyaka endlich einen Converse-Shop zu finden und gerieten über diverse Nebengassen in eines der größeren Modegeschäfte der Türkei. Ein Attribut, welches ich eigentlich ausschließlich bei Männern meinem Papa zugeordnet hätte, hatte ich unlängst an meinem Mann bemerken können: die aufrichtige Freude am shoppen. Ein Klischee, ohne Frage, aber bis auf Carsten und Papi kenne ich tatsächlich nicht einen Mann, der mit so einer großen Begeisterung Klamotten kaufen geht. Offenbar schien der ausgesprochen, uns auf jedes Stockwerk begleitende und unsere erstandenen Kleidungsstücke tragende Verkäufer, von einem ähnlichen Klischee eingenommen zu sein und so betrachtete er offen erstaunt seine neugewonnenen Kunden und wurde auch nicht müde, allen anderen Verkäufern von uns wenig verdeckt, eher lautstark, zu erzählen. Dabei sollte eins klargestellt werden: wären wir in Deutschland mit der gleichen Anzahl, wie schon gesagt nach Papas strenger Prüfung, ordentlich verarbeiteten Kleidungsstücken aus einem Laden gegangen, hätten wir das Drei- oder Vierfache gezahlt. Das konnten und wollten wir dem verdutzten Verkäufer genauso wenig erklären, wie die Tatsache, dass hier zwei Schlaghosenfans in ihrem eigenen Paradies waren, wenngleich sich die Einkäufe für Carsten auf Hemden und T-Shirts beschränkten- auch in der Türkei müssen Männer noch in engsitzenden Storchenbeinhosen herumlaufen. Zufrieden über das ungeplante Einkaufserlebnis bedankte ich mich bei unserem Helfer, der mit einem begeisterten 'Ne demek!' seine Freude über unseren Besuch zum Ausdruck brachte, als mir endlich bei einem Kaffee einfiel, dass diese Form nicht nur 'Was bedeutet das?' im Sinne einer Frage, sondern vielmehr eine höfliche Bekundung wie 'Wofür denn?/ Selbstverständlich.' ist. Wieder was gelernt! Im Hotel erholten wir uns ein wenig, bevor wir den Sonnenuntergang am Meer bestaunen wollten. Leider war letzterer durch ein paar kleine Wölkchen nicht so imposant, wie der fleißig mit mir flirtende 3jährige, aber es ist ja nicht unser letzter Abend gewesen. Hungrig, aber glücklich, trafen wir uns ein paar Straßen weiter mit Mürsel, der uns nicht nur sein Auto für die nächsten Tage zur Verfügung stellte, sondern Carsten auch sogleich bat, ihn durch den immerwährenden Verkehrs Izmirs hindurch zur Arbeit zu bringen. Gesagt, getan und so beschlossen wir den Abend später als geplant in einem nahe der Hauptverkehrsstraße gelegenen Restaurant, das wir uns schon vorher ausgeguckt und als besonders einladend empfunden hatten. Unser Eindruck sollte nicht täuschen, die köfte zerfielen geradezu auf der Zunge, Carsten genoss sein Fleisch erstaunlich langsam, ist er doch der Schnellesser von uns beiden und der Kellner erfreute sich an unserem Interesse an seiner Kultur, als er nach mehreren Nachfragen bezüglich meiner Vorfahren herausfand, dass es keinen türkischen Bezug väter- oder mütterlicherseits gibt. Mit einem Glas Wein für mich und einem kühlen Efes für Carsten ließen wir den Tag am Wasser bei Live-Musik ausklingen, lachten über die Hartnäckigkeit der herbeieilenden Straßenverkäufer, beobachten einmal mehr erstaunt die Missachtung der Musiker, wenn am Ende eines Stücks einfach nicht geklatscht wird, animierten die anwesenden Besucher wiederum durch hartnäckiges Klatschen und schlenderten müde, aber glücklich zurück auf unser Zimmer.

1 Kommentar 1.7.15 11:49, kommentieren

Wie gesagt: Langwitz!

Früh aufstehen im Urlaub darf nur den wichtigen Dingen im Leben gewidmet sein. Kultur zum Beispiel. Um zum gewünschten Treffpunkt mit der von Mürsel organisierten Tour nach Ephesos zu kommen, mussten wir zunächst die nächstgelegene Metro-Station finden, unsere von unserem fürsorglichen Freund geliehene Kent Kart aufladen, ohne die eine Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel unnötig verkompliziert worden wäre und die richtige Metro finden. Klingt schwer? Ist es aber nicht. Durch das der Uhrzeit geschuldeten leere Izmir schlendernd, trafen wir zunächst auf einen der Wärter in der U-Bahn-Station, der erklärte, dass die Aufladestation kaputt sei und der natürlich vom U-Bahnschacht beflügelte Hamburger folgte mir brav in einen der nahegelegenen Kioske, um dort unser als Pendant zur Bob-Karte erhaltenes Stück Plastik mit Geld aufzufüllen. Aber es ging ja wieder untertags und Carsten saß somit glücklich mit mir auf die U-Bahn wartend in Çankaya. Allerdings nicht lang, ist doch die Fahrt nach Üçyol so kurz, wie es in dem für die Anzahl der Stadtteile dieser Landesmetropole mäßig ausgebautem U-Bahn-Netz nur geht. Der erste Gang führte uns zum Bäcker, wo wir neben einem Frühstück zum Mitnehmen auch die Auskunft erhielten, wo wir unseren Treffpunkt finden konnten, was die von mir hier angepriesene Hilfsbereitschaft zutage bringen sollte. Während im Reisebüro nach einem kleinen Missverständnis schnell geklärt werden konnte, dass wir an der dortigen Busstation auf unsere Tour warten mussten, quatschte ich diverse Busfahrer an, um den langersehnten Wunsch meines Mannes, Ephesos und das Sterbehaus der Mutter Maria zu sehen, nicht durch zuviel Gelassenheit zu torpedieren. Den Umstand bemerkend, machte sich ein Mann mittleren Alters zu uns auf, um unser Reiseziel zu erfragen. Eine kurze Nachfrage seinerseits und schon hielt er ebenfalls Ausschau nach dem richtigen Bus und wies uns kurze Zeit später auf einen heranfahrenden Bus hin, versicherte sich erneut beim Fahrer, dass wir richtig sind und schon saßen wir zwischen Einheimischen und einer größeren Schülergruppe aus aller Herren Länder auf dem Weg nach Selçuk. Besonders erfreute mich die Tatsache, dass ich mich offensichtlich gut genug eingelebt hatte, als dass ich in der Lage war, Carsten die wichtigsten Informationen des zwar sehr deutlich, aber umso schneller sprechenden Tourguides zu übersetzen, ohne zugegebenermaßen annähernd an einen Simultandolmetscher heranreichen zu können. Die dann auf Englisch eher kurz gehaltenen Informationen bestätigen mein Gefühl und eröffneten den Touristen ganz neue Wörter, an denen sich die Businsassen erfreuen konnten, wie der gängige Bahnfahrer als Gast der Deutschen Bahn. 'Ei häf to tak in inglisch, beikaus hier ar so meini difrän Langwitzes.' Herrlich. Beim ersten kurzen Stopp konnten wir unser leckeres Gebäck kosten und ahnten noch nicht, dass wir in eine richtige Touri-Tour geraten sein sollten. In Selçuk angekommen, hatten wir nur eine Stunde Zeit, um den Ort zu besuchen, der für uns durch meinen ersten Besuch vor zwei Jahren so wichtig geworden war und so ließen wir uns nicht viel Zeit, dem unter freiem Himmel durchgeführten Gottesdienst beizuwohnen, sondern begaben uns direkt ins Haus, um jeder für sich zu danken und eine Kerze anzustecken. Die Gedanken und die Besonderheit dieses Ortes genießend, tranken wir aus einer der Quellen, die natürlich, sollte man daran glauben, eine jeweils eigene Bedeutung haben, steckten einen Zettel an die mit Wünschen übersähten Mauer und mussten auch schon wieder zum Bus, um kurze Zeit später vor einer, aus deutscher Sicht nicht funktionalen, Warteschlange in Ephesos zu stehen. Gerade einmal 90 Minuten blieben uns, um uns an den teilweise Jahrtausenden alten Monumenten zu erfreuen, die Bibliothek und das nach wie vor und immer wieder aufs Neue beeindruckende Colosseum zu bestaunen. Für einen Moment durften wir Zeuge von dessen Funktionalität werden, als sich aus einer Touristengruppe heraus eine junge Dame löste, sich in die menschenleere Mitte stellte und einen kurzen Part aus einer Oper sang, woraufhin sich eine sofortige Stille über das Colosseum legte und tatsächlich alles zu verstehen war. Den nächsten Stopp legten wir sodann in einem Restaurant ein, wo wir ganze dreißig Minuten zum Essen haben sollten, bevor es in eine Lokum-Fabrik mit angeschlossenem Handel ging, die uns natürlich dreißig Prozent Nachlass beim Kauf ihrer Waren erlassen wollten. Herrje- so sehr ich mich zwar über die Möglichkeit für Carsten seine Vorliebe für diese türkische Süßigkeiten zu erweitern freute, desto mehr wurde uns klar, welche Art von Veranstaltung dieser Tag sein würde. Aber wozu angesichts solcher Umstände lange Gesichter machen, wir fanden unseren eigenen Rhythmus, als wir als nächste Station eine Moschee und dann ein 'Weingut' mit anschließender 'Wein'verkostung anliefen, seilten uns ab und genossen die schöne Aussicht auf die Berge bei türkischem Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft. Die viel wichtigeren Eindrücke aus Selçuk und Ephesos festigten sich auch noch auf der Rückfahrt und der Schlaf kam denkbar schnell über uns. Am nächsten Tag, wir hatten beschlossen es ruhiger anzugehen, war Abhängen, türkische Grammatik und die Möglichkeit, wieder einmal in Ruhe das ein oder andere Thema zu diskutieren, an der Tagesordnung. Alsbald sollte es vom Hunger getrieben nach Bornova gehen, um direkt am Küçük Park Iskender zu genießen und festzustellen, wie unterschiedlich das hiesige Klima ist, sobald man sich vom Meer entfernt. Also ließen wir uns lieber in einem der sich aneinanderreihenden Cafés nieder, um der tavla-Sucht zu frönen, frische Säfte zu trinken und der glühenden Mittagshitze zu entkommen. Braun sind wir bislang wahrlich nicht geworden, wo doch viel schönere Dinge zu tun sind, als am Strand zu liegen, aber als Mürsel uns anschrieb, um uns sein Auto anzubieten, reifte der Wunsch an einem der nächsten Tage nach Çeşme zu fahren, um vielleicht doch einen Tag am und im Meer zu verbringen, so dass wir das Angebot dankend annahmen. Erstaunt darüber, wie schnell die Zeit bei unserem Spiel verging, machten wir uns in einen nahegelegenen Shop, wo wir für Carsten endlich ein paar mehr schöne Sachen fanden, als nur ein Hemd. Den Abend schlossen wir mit einem Besuch in einer meiner Lieblingsbars bei, für die hiesigen Verhältnisse, gutem Wein und schönen Gesprächen ab. Nicht so aufregend wie die vorangegangenen Tage, aber mindestens genauso schön und vor allem erholsam, konnten wir die Rückkehr ins Hotel mit anschließendem kurzen Spaziergang genießen, der durch die Anwesenheit einer wirklich großen Kakerlake und der Erklärung eines vorbeikommenden simit-Verkäufers, dass sie angeblich unter die Haut von Menschen krabbeln und dort Eier legen würden, unterbrochen wurde. Um es, insbesondere für die jüngsten Leser, klarzustellen: Kakerlaken sind nicht gefährlich, sie kriechen auch nicht unter die menschliche Haut und legen dort auch keine Eier. Tun sie wirklich nicht. Wir sind dann aber trotzdem ins Bett gegangen. Solche Geschichten machen sehr müde.

30.6.15 10:10, kommentieren

Lass uns an den Strand gehen vs. Langwitz

Zwei Tage mit begrenztem WLAN können den Informationsfluss schonmal abreißen lassen, aber unsere Tage sollten so fröhlich gestaltet sein, wie es nur geht. Den Morgen verbrachten wir zunächst so romantisch, wie es nur möglich ist: mit Grammatikregeln. Carstens Ehrgeiz, die ersten türkischen Sätze, die er sich schnellstmöglich angeeignet hatte, durch weitere Wörter und Redewendungen zu erweitern, brachte einen vergnüglichen Vormittag, der mit dem Gang zur Apotheke abgeschlossen wurde. Das viele Laufen der letzten Tage hatte meinen Füßen leider arg zugesetzt, so dass die medizinische Versorgung sogar noch vor dem Frühstück erfolgen sollte. Je häufiger ich in die Verlegenheit kam, türkisch sprechen zu müssen, je besser wurde es indes, so dass ich, dankbar über Wundsalbe und Pflaster und Carsten, glücklich über sein Frühstück, über den weiteren Verlauf des windigen, aber sehr gemütlichen Tages sinnierten. Einer der großen Vorteile dieser am Meer gelegenen Stadt ist das angenehm windige Klima, so dass die dreißig Grad nie unangenehm erscheinen und wir uns durch unseren andauernden Aufenthalt nicht verbrennen können. Unser Weg führte uns zunächst wieder auf den Basar, wo ich zielgerichtet in eine der kleinen Nebengassen abbog, um mit Carsten in einem der spartanisch eingerichteten Cafés das neue Lieblingsspiel voranzutreiben. Es braucht keinen Luxus, wenn zwei Holzschemel oder Plastikstühle in einer, mit vor der Sonne schützenden Laken behangenen Gasse stehen, türkischer Kaffee und Wasser gereicht werden und die tavla-Steine klacken, fliegen und das immer gleiche Geräusch der sich neu ordnenden Würfel als einziges die Ruhe unterbricht. Einzig und allein Carstens Begegnung der dritten Art mit dem Besuch der Herrentoilette veranlasste den dann doch besorgten Ehemann angesichts des hohen Wasserkonsums weiterzuziehen- wer eine Toilette hinter einem Kleiderschrank mit einer durch die Schräge bedingte Stehhöhe von 1,60m vorfindet und sich im Dunkeln erleichtern muss, darf zurecht befürchten, dass keine aus meiner Sicht angemessene Toilette vorzufinden sein wird, so dass wir uns alsbald auf dem alten Basar wiederfanden. Noch immer fasziniert von all den bunten, schönen und überwiegend nutzlosen Dingen, besorgten wir bunte, schöne, aber nützliche Dinge für unsere Lieben und kamen nicht umhin unsere verschiedenen Standpunkte bezüglich des Handelns auf türkischen Basaren zu bemerken. Es sind aber unsere Flitterwochen und so sehr es mir immer Freude bereitet hat, die Händler zur Verzweiflung zu bringen, weiß ich doch, wie häufig sie Touristen gnadenlos über den Tisch ziehen, gab ich letzten Endes vor dem Hintergrund, dass Izmir viel, aber keine touristische Stadt ist, nach und unterließ meine durch die vorangegangenen Reisen geübte Verhandlungstaktik. Mal gewinnt man, mal verliert man. Am Hafen von Kondor entlang führte uns unser Weg in das wohl schlechteste Café unserer bisherigen Reise- was dort als sigara böreği angepriesen wurde, war eine Beleidigung jeder türkischen Frau, mir inklusive, so dass man dem Koch, wenn man ihn so nennen darf, das oklava, als das türkische Pendant zum Nudelholz, hätte über den Kopf ziehen müssen. Doch Flitterwochen stimmen milde und die Vorfreude auf Nazim und Mercan, zwei Freunde aus Bremen, die zunächst nach Hamburg und nun vor drei Monaten aus beruflichen Gründen nach Izmir zogen, ließ uns der türkischen Küche gegenüber nach wie vor gnädig sein und nach einer kurzen Rast im Hotel einen schönen Abend verleben. Erleichtert stellten wir aufgrund der Verspätung der Neu-Izmiranern fest, dass nicht nur Taxifahrer, sondern auch Bewohner falsche Ausfahrten nehmen und sich denkbar schnell verfahren können. Doch letzten Endes fanden wir zusammen und konnten doch noch der türkischen Küche wieder vertrauen, als wir im Restaurant über türkische Politik, Wirtschaft und -natürlich- Fußball diskutieren. Anschließend zog es uns erneut in die Kaos Bar, diesmal ohne Dart, aber sehr zur Zufriedenheit der Kellner, die natürlich kein Wort der geschlechtsbedingten, unterschiedlichen Gesprächsthemen verstanden, uns aber während Nazim und Carsten über Biersorten fachsimpelten und Mercan und ich über Kindererziehung diskutierten, fortwährend mit Wein, Nüssen und Bier versorgten. Der lustige Abend endete vermutlich nur zu unserer Zufriedenheit und nicht zu der des Taxifahrers, der uns nachts um drei Uhr aufgrund meiner kaputten Füße die kurze Strecke zum Hotel befördern und dann auch noch aufgrund fehlenden Kleingelds von sich aus auf den vollen Fahrpreis verzichten musste. Am nächsten Morgen ging es für uns nach einer sehr kurzen Nacht ungewohnt früh aus den Federn, da Mürsel mit uns nach Urla fahren wollte, um uns von der so herrlich wärmenden Sonne in das nicht minder aufgewärmte Meer zu bringen. Theoretisch zumindest. Keiner von uns hatte auf die Wettervorhersage geachtet und so fanden sich drei erstaunte Urlauber bei Windstärke Vier, schäumenden Wellen und ohne Sonne in der sonst sehr gemütlichen, für Polizisten und deren Angehörigen eingerichteten Erholungsanlage wieder. Mürsel guckte vermutlich am Verwirrtesten, hatte er doch auf der Hinfahrt nach dem Unterschied von Katholiken, Protestanten und Orthodoxen gefragt und nicht damit gerechnet, dass es Carsten ohne große Mühe möglich ist, einen Vortrag in der epischen Breite zu halten, wie es auch die Studenten meines Papas erwarten dürfen. Der erste Versuch sich zu sonnen stellte sich also als untauglich heraus, so dass ich zunächst Frühstück, Carsten Kaffee und Mürsel nur Wasser bekam. Dem armen Gastgeber war seine Müdigkeit anzusehen, die Gespräche beliefen sich daher eingangs auf das Dienstgeschehen, bis es uns zum tavla Spielen zog, wo Mürsel endlich nach einer 4:0-Führung letzten Endes 5:4 gewann. Großartig! Um unserem Freund ein wenig Ruhe zu gönnen, entließen wir ihn zum Schlafen auf einer der zahlreichen Liegen und starteten unsererseits einen Wettkampf, der mit dem Wunsch des begeisterten Neuspielers endete, auch in Deutschland regelmäßig zu spielen. Da lass ich mich nun wirklich nicht lange bitten! Den armen Mürsel fanden wir immer noch schlafend mitten im gefühlt eisigen Wind vor und fühlten uns angesichts seiner vergangenen, zahlreichen Nachtschichten bei dem Gedanken, ihn zu wecken genauso unwohl, wie mit der Tatsache, dass er sich eine Erkältung holen würde, sollten wir ihn nicht wecken. Einen Ayran und eine Fanta später erledigte sich unsere Besorgnis von alleine, als Mürsel müde, aber gut gelaunt zum Aufbruch rief. Angesichts des anstehenden Regens stimmten wir ein und nach einem typisch türkischen Halt mitten auf der Autobahn, gab es einen spontanen Fahrerwechsel und so lenkte Carsten das Auto fröhlich, wenn auch konzentriert, durch das bunte Izmir. Einen schnellen Klamottenwechsel und Fußverbanderneuerung später, wollte der Spieltag, auch aufgrund des schlechten Wetters, nicht enden. Wir entschieden uns mal wieder für die Kaos Bar in Alsancak, wo wir mit lieben Gesten von den Kellnern empfangen wurden und ich zum ersten Mal ein Dartspiel gewann, worüber ich so glücklich war, dass es selbst für den in Spielen sehr ehrgeizigen Mürsel schwer war, nicht begeistert zu klatschen und sich aufrichtig für den schönen Abend zu bedanken. Der Dank galt jedoch unserem stets bemühten Freund, der uns für den nächsten Tag eine Reise nach Efes und dem Sterbehaus der Mutter Maria organisiert hatte, wo wir das neue Wort 'Langwitz' lernen sollten. Davon aber morgen mehr.

28.6.15 21:16, kommentieren