Von Touristen und wunden Füßen

Es ist auch möglich, ohne weiße Socken in den Badelatschen, den Bierbauch mit einem schlecht sitzenden Hemd überdeckend und einem übergroßen Sonnenhut auf dem Kopf mit nur einer Handlung seinen Touristenstatus zu offenbaren: man setzt sich zum Frühstücken in die Sonne. Die sofort herbeieilende Kellnerin hatte quasi den Sonnenschirm schon unterm Arm, wo sie doch selbst die zahlreichen im Schatten gelegenen Plätze hätte bemerken können und zu ihrem großen Erstaunen wurde aber eben ein solcher Platz abgelehnt. Touris! Sitzen einfach in der Sonne. Verrückt. Bei einem eher spartanischen, wenn doch leckeren Frühstück, war Carsten die Erinnerung an die Fluff-ähnliche Creme anzusehen, die Mürsels Vater aus Istanbul geschickt und sein Sohn am gestrigen Tage auf den Frühstückstisch gestellt hatte. Für die weniger bezüglich süßer Frühstückszutaten versierten Leser: Fluff ist die Creme, die in Mohrenköpfen zu finden und in Deutschland als Brotaufstrich käuflich zu erwerben ist. Brrrrr. Und eben so etwas Ähnliches scheint es in Istanbul als Spezialität zu geben. Und wenn das in Istanbul eine Spezialität ist, muss es ja gut sein... Dem fröhlichen Frühstück sollte ein ausgiebiger Shoppingtag folgen, schließlich gab es aus gegebenem Anlass die Hoffnung, weitere Hosen zu finden, die eine junge Frau nicht aussehen lassen, als ob sie in eine zu enge Leggings gepresst wurde und mit aller Macht ihre Jugend dadurch wiederfinden will. So ging es also quietschvergnügt in die Zwischenstraßen, vorbei an Obsthändlern, Cafés, Apotheken und für Alsancak erstaunlich viele Ramschläden, während wir zwischendurch immer wieder in einer der kleinen Boutiquen Halt und Beute machten. Ein herrliches Viertel zum shoppen und wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass uns die folgenden Tage sowieso noch nach Bornova und Karşıyaka führen werden, hätte ich mit mehr Vehemenz nach weiteren Hemden für Carsten gesucht, wo doch die heutige Ausbeute hier eher knapp bemessen war: ein weißes Hemd! Aber nach dem Motto: wenn er es dann zumindest trägt und nicht im Schrank hängen lässt, ist es mir mehr als recht und so ließen wir uns zu einer kurzen Pause in einer Bar nieder. Die Ruhe, die wir dort fanden, ist schwer zu beschreiben, denn wenn die vielen Eindrücke von bunten Läden, hupenden Taxifahrern, Ware oder Restaurants anpreisenden Verkäufern und dem ewigen Verkehrslärm erst einmal so selbstverständlich wie Atmen geworden sind, fällt einem erst in den fast ruhigen Momenten auf, wie laut die vorangegangenen Stunden in Wirklichkeit waren. Und so genossen wir inmitten von mit Pflanzen umrandeten Mauern und dem typischen Klacken der tavla-Steine aus dem Café gegenüber unsere Beobachtungen des Treibens in aller Ruhe und Besinnlichkeit. Lediglich ein junger Mann erregte unsere Aufmerksamkeit so sehr, dass wir bei unserer Diskussion ob der Converse-Shop in Alsancak noch existent ist (ich muss ihn finden!) kurz unterbrochen wurde: Ali Glöökler. Wenn tatsächlich jeder Mensch einen Doppelgänger hat, dann haben wir gestern den des Modemachers gesehen! Unfassbar. Vermutlich hieß der junge Mann gar nicht Ali, aber bestimmt nicht Harald und so muss er jetzt damit leben. Meine bald schon verzweifelte Suche nach dem mir so eindrucksvoll in Erinnerung gebliebenen Converse-Shop sollte auch heute ergebnislos verlaufen, doch ich will dem Unken meines Mannes in keinem Fall nachgeben und werde diese Mission genauso erfolgreich abschließen, wie die Jagd auf die Seamaster Rolex mit Papa in Istanbul! Viele Shops, zwei Hosen und weitere unfassbar günstige, wenn doch auf strenge Prüfungen durch Papa basierend, qualitativ deutlich gute Kleidungsstücke später, fanden wir uns zum Essen und Dart spielen in der Kaos Bar ein. War das ein Spaß! Während die Kellner sich merkbar immer mehr über mein Türkisch und ich mich über Carstens Dartfähigkeiten freute, verbrachten wir einen für uns ganz ungewöhnlichen Abend: ohne Reden. Also nicht ganz, aber ohne einen Tagesablauf durchzusprechen, die anstehenden Schulaktivitäten zu diskutieren, den Einkauf oder die Woche zu organisieren und so sehr wir von Herzen gerne Eltern sind, so erholsam empfanden wir beide diese unbeschwerte Gelassenheit. Später am Abend stieß Mürsel noch dazu und zeigte sich mehr stolz als erfreut, dass die Kellner nun zu einer, vorsichtig formuliert, großzügigen Auslegung der Größe der von mir bestellten Drinks übergingen, wo er ja nun eigentlich nichts mit dem Umfang meines Vokabulars oder der, wie die Kellner es ausdrückten, niedlichen Aussprache meiner Wörter zu tun hat. Aber so ist er- wie ein stolzer, großer Bruder und so nahmen uns die Mitarbeiter noch das Versprechen ab, in jedem Fall wiederzukommen, bevor ich endlich meine geliebte Mercimek, eine köstliche rote Linsensuppe, kosten konnte. Dem Himmel sei Dank kennt mein Mann mich gut genug, um die Anzeichen des kurz bevorstehenden Kollapses an seiner Frau zu erkennen und so deutete er meine Kuscheligkeit und das für mich eher ungewöhnliche Beklagen über Schmerzen gepaart mit aufgedrehter Begeisterung über all die wundervollen Eindrücke genau richtig, bestieg mit mir ein Taxi und brachte mich ins Bett, wo ich umgehend überglücklich zusammenklappen sollte.

2 Kommentare 26.6.15 09:48, kommentieren

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Spielkälber

Die ausnahmsweise auf beiden Seiten kurze Nacht vermochte der guten Laune und der Vorfreude auf ein gemeinsames Frühstück mit Mürsel und Yelda keinen Abbruch zu tun und so begaben wir uns nach ein paar Lesestunden spontan in eines der nahegelegenen Cafés, um frisch gepressten Orangensaft zum gewohnten Spottpreis direkt am Meer zu genießen. Anlass für die Wahl des besagten Cafés war die Möglichkeit, tavla zu spielen. Kaum hatte er die Aussicht auf einen türkischen Tag, konnte es Carsten zu meiner großen Überraschung kaum erwarten, eines der beliebtesten Spiele der Türkei zu erlernen. Wozu lange fragen, wenn der sonst eher spielfaule Ehemann von sich aus anbietet, sagte sich die erfahrene Ehefrau und schon gingen die ersten konzentrierten Runden los, die Carsten im zweiten Anlauf, mit ein ganz bisschen liebevoller Hilfe, auch glamourös gewann. Genüsslich den türkischen Kaffee und den Orangensaft genießend, hätten wir fast die Zeit vergessen und so mussten wir einen kurzen Sprint zum Taxi einlegen, auch wenn ich mir sicher war, im Sinne von türkischer Zeit das akademische Viertel ausreizen zu dürfen. Wir hatten nur nicht mit dem Taxifahrer mit der kürzesten Aufmerksamkeitsspanne von ganz Izmir gerechnet und so konnte die exakte Adresse zwar gefühlt zehnmal von mir genannt werden, doch half das alles nichts. Offenbar genauso wenig, wie die Hoffnung das vorhandene Navi zu benutzen, da der nicht sehr gesprächige, dafür umso hektischer fahrende Taxifahrer gesamte sieben Mal anhalten, aussteigen und nach dem Weg fragen musste, bevor der schon besorgte Mürsel uns endlich nahe der richtigen Adresse aufgabelte und etwas erbost erklärte, dass Izmirs Taxifahrer einerseits im Gegensatz zu anderen Städten keine Prüfung ablegen müssten, aber zudem überwiegend das vorgeschriebene Navi nicht zu benutzen wüssten. Man lernt ja nie aus. Und da ein viel freudigeres Wiedersehen und begeistertes Kennenlernen bevorstand, war auch diese Erfahrung direkt vergessen, als uns Yelda mit ihrem strahlendsten Lächeln die Tür öffnete. Was nun folgte könnte der objektive Beobachter auch als Fresssucht interpretiert haben, denn nachdem Carsten das türkische Frühstück als das Pendant erkannte, das es ist, nämlich die im Gegensatz zu Deutschland verabredete Zusammenkunft unter Freunden zum Abendessen und mir deutlich anzumerken war, wie sehr ich eben dieses Frühstück vermisst hatte, wurde der untaugliche Versuch unternommen, den gedeckten Tisch vollständig zu leeren. Es ist wie es is(s)t- wir lieben Essen. Besonders das türkische. Und auf Verzicht ist in Flitterwochen nun wirklich nicht zu denken! So folgte mit überfüllten Bäuchen ein fröhlicher Nachmittag mit vielen Fotos der Hochzeit von Mürsel und Yelda, lustigen Anekdoten und dem Austausch lustiger, tiefgründiger und gesellschaftlicher Gedanken. Als Carsten seine Begeisterung über die Größe der türkischen Kaffeebecher zum Ausdruck brachte, schlug die Stunde unserer gut gelaunten Gastgeberin, welche wenige Minuten nach dieser Äußerung Carsten mit strahlenden Augen ihr eigenes Geschenk überreichte- wie sollte es auch bei meinen Freunden anders sein- die junge Ehefrau blickte begeistert in die nicht minder begeisterten, aber auch sichtbar gerührten Augen des Gastes, welcher sein erstes Geschenk entgegennehmen durfte- ein kleines Kaffeeservice. Nicht minder groß war meine Rührung, als Yelda mir anschließend, der Tradition folgend, ein Kopftuch schenkte, welches einer frisch Verheirateten hier überreicht wird, so dass meine Begeisterung keineswegs durch die fehlende Verwunderung geschmälert wurde- bin ich es doch mittlerweile gewohnt im Koffer Platz für Mitbringsel aus Deutschland zu reservieren, wo später ja doch liebevoll ausgesuchte Geschenke von meinen Freunden untergebracht werden. Verwunderung erlebte ich allerdings im Anschluss, als von Carsten ausgehend okey-Bretter auf den Tisch gestellt wurden und im Sinne der taktischen Geschlechtertrennung die Mädchen siegreich über die Jungs aus diesem spaßigen Spiel hervorgehen sollten. Der vergnügliche Nachmittag endete leider mit Mürsels Dienst, der es sich jedoch für seine kleine Schwester, wie er mich vor Jahren liebevoll zuerst betitelt hatte, nicht nehmen ließ, eine Tour nach Efesos und zum Haus der Mutter Maria sowie einen gemeinsamen Besuch am Strand zu organisieren. Zurück in Alsancak boten die hiesigen Bekleidungsgeschäfte Anlass zur Hoffnung: in kürzester Zeit konnten wir zwei herrliche Schlaghosen für mich und ein schönes Hemd für Carsten ergattern, was das beherrschende Thema und festgesetzte Ziel für den morgigen Tag festsetzte: Tod den grauenvollen Skinny-Jeans und der Zielsetzung eines Kleiderschranks voller Schlaghosen näher kommen! Gut gelaunt und voller Dankbarkeit für die Erlebnisse, ging es zunächst zum Ausruhen ins Hotelzimmer, bevor uns der zugegebenermaßen vorherrschende Appetit, nicht der ehrliche Hunger, uns erneut ans Meer trieb, wo wir zu orientalischen Klängen gegrilltes Fleisch kosten und mit Blick auf das tiefschwarz wirkende Meer anregende Gespräche führen und die Zweisamkeit genießen konnten.

1 Kommentar 25.6.15 00:39, kommentieren

Von Kakerlaken und Verkehrspolizisten

Den Versprechen, die wir mehreren Menschen gegeben hatten, uns zu erholen, wollten wir auch an diesem Morgen offenbar gebührend gerecht werden. Dem Stress der vergangenen Monate war es auf unterschiedliche Weise möglich von unseren müden Körpern Abstand zu nehmen - während ich den Schlaf der Gerechten schlief, trank Carsten in Ruhe Kaffee, genoss sein neues Buch und so ging es wieder einmal verspätet Richtung Konak, wo wir Ayvalık tostu bei erneut erfrischendem Wind gepaart mit herrlichem Sonnenschein genießen konnten. Der heutige Tag sollte uns zunächst auf den Basar führen, wo ich mich, zu meinem eigenen Erstaunen, auch nach zwei Jahren noch einigermaßen zwischen den zahlreichen, engen und bunten Gassen zurechtfinden konnte, um zuerst in den Genuss äußerst schmackhafter und ebenso kostengünstiger, frisch gepresster Säfte zu kommen. Mir hatte das Gewirr an Menschen, das lautstarke Anpreisen der Waren und die unterschiedlichen Gerüche geradezu gefehlt, während ich andererseits immer wieder mit einem glücklichen Blick zur Seite feststellen durfte, dass mein Mann in den Eindrücken aufging, an diversen Stellen innehielt und die unnützen und gleichermaßen schönen Dinge begutachtete, wie ich es mit der gleichen Neugierde schon hunderte Male zuvor getan hatte. Ein kurzer Besuch bei einem meiner Lieblingsverkäufer bescherte Carsten den ersten von vielen türkischen Kaffees und mir die große Freude die ersten Mitbringsel besorgen zu können. Hier hatte ich schon die Familienketten, als auch die Armbänder für Yelda und İrem anfertigen lassen und mit entsprechendem 'Hallo' wurden wir auch begrüßt. Die weiteren Besuche inmitten von bunter Auslegeware und hektischen Einkäufen der Einheimischen, brachte uns zu Schmuckständen, Cafés und natürlich den Momenten, in denen es erlaubt ist den ganzen Trubel mit Gelassenheit und dem Wissen um die eigene Zeit in Ruhe eben diese Momente auszukosten. In einem meiner Lieblingscafés konnte Carsten den Unterschied zu den Gewohnheiten in Deutschland beobachten und seine Fähigkeit zur Anpassung unter Beweis stellen, als er in weiser Voraussicht den nächsten türkischen Kaffee mit einem Zuckerwürfel im Mund kostete. Der freundliche Türke aus Frankfurt, den wir in den vorangegangenen Stunden bei der Suche nach einem Anhänger für meine neu erstandene Kette kennengelernt hatten, führte uns in den oberen Bereich des Basars, wo die ursprüngliche Verhandlungstaktik, die mein Papa und ich in Istanbul als zuverlässige Strategie erkoren hatten, umgekehrt wurde. Während der freundliche Verkäufer in bestem Hessisch schnell verstand, dass die Dame die Hand auf dem Portemonnaie hatte und fortan mit mir auf Türkisch verhandelte, versuchte der immer noch vom Anblick der schönen Steine begeisterte Carsten also die Herzdame zu erweichen. Gekonnt, nicht gelernt, und so wurden die Verhandlungen erfolgreich fortgesetzt, bevor es zu einem wundervollen, voller Edelsteine befüllten Laden ging und im Anschluss von Klängen traditioneller türkischer Musik zum Mittagessen ging. Der Anblick der saz bewegte Carsten zu einem langen, wenn auch durchaus nicht uninteressanten Vortrag über chinesische und europäische Musik, was weder den Genuss des Mittagessens, noch die gemütliche Atmosphäre minderte, sondern in einem fröhlichem Spaziergang Richtung Alsancak mit einem kurzen Nickerchen endete. Der Abend sollte zwar nicht mit dem äußerst köstlichen Besuch in einem der besseren Restaurants enden, doch sind die bis tief in die Nacht andauernden, emotionalen und ehrlichen Gespräche eher privater Natur, so dass lediglich zwei Lobreden erwähnt werden sollten: Die selbst als hysterische empfundene Reaktion beim Anblick einer Kakerlake, wurde von Carsten mit den liebevollen Worten 'Dafür, dass du Panik hast, hat deine Tonfrequenz in keinster Weise dazu geführt, dass ein Besucher dieses Restaurants auch nur aufgeschreckt wurde!', konnte lediglich durch das Lob getoppt werden, dass ich meinem Mann eine hervorragende Fremdsprachenlehrerin sei und er schon toll sprechen würde. So können Vorurteile gegenüber Krabbeltieren (basierend auf den beruhigenden, erklärenden Ausführungen Carstens über Kakerlaken) und deutschen Türken (ich scheine im Gegensatz zu meinem 'französischen Mann' nach wie vor für eine Deutschtürkin gehalten zu werden) ausgeräumt werden. Alles im Sinne des (internationalen) Verständnis von Fremdartigen. So wie auch Carstens Begeisterung über die fragwürdigen Anweisungen türkischer Verkehrspolizisten oder meiner offen zur Schau gestellten Empörung über Erdoğans Alkoholpolitik (kein Alholverkauf nach zehn Uhr in Kiosken und Läden). Wir lernen. Wenn nicht hier, wo dann?

1 Kommentar 24.6.15 01:18, kommentieren

Erste Stunden

Ja, die Anpassung an türkische Zeit fällt nicht schwer, wenn der erste Stress der vergangenen Wochen abfällt und noch nicht einmal die Aussicht auf wärmende Sonne den müden Körper aus dem Bett zu locken vermag. Und so ging es deutlich verspätet, aber mit umso aufmerksameren Geist von Alsancak nach Konak, um den Umstand in einem der zahlreichen Restaurants auch zur Mittagszeit noch Frühstück zu bekommen, zu genießen. Der Spaziergang entlang des Meeres und mit frischem Wind im Rücken, der den sonst vielleicht schwer zu verkraftenden Temperaturwechsel leichter machte, verlief fast still, wo doch die verschiedenen Eindrücke gesondert verarbeitet werden mussten- Carsten immer noch sichtbar neugierig und von den verschieden visuellen Wahrnehmungen abgelenkt und ich zugegebenermaßen selig, wieder in der Stadt zu sein, die mir so ans Herz gewachsen ist. Das Frühstück verlief fröhlich mit den ersten noch holprigen Nettigkeiten, die ich mit der türkischen Bedienung austauschte, bevor es zum Wahrzeichen Izmirs ging, wo niemand anderes als mein Freund Mürsel uns mit Rosen bewaffnet empfing, nachdem wir nahezu erfolglos die eben diese Blumen verkaufende Zigeunerin hatten abwehren müssen. Was ein herzlicher Empfang! Mürsel erklärte sogleich, dass die Rosen vor dem Hintergrund meiner letzten Begegnung mit einer Zigeunerin, die mir- oh Wunder für eine junge Frau ohne Ring am Finger- eine Heirat vorhergesagt hatte, erstanden worden seien und schon saß ich bei herzlichen Sympathiebekundungen zwischen Mürsel und Carsten in einem der Cafés neben der Wache der Wasserschutzpolizei von Kordon. Während die Jungs sich keine Zeit ließen sich zu beschnuppern, sondern gleich zu tiefgreifenden Gesprächen übergingen, erlaubte ich mir die geistige Auszeit und genoss den Anblick der schäumenden Wellen, die gegen die Stege der Motorboote schlugen und die gewohnte Ruhe, die mich an diesem Ort überkommt. Lange wollte ich mich jedoch nicht ausschließlich fallen lassen, freute ich mich doch zu sehr von den Neuigkeiten im Leben meines Freundes zu hören und konnte doch auch beobachten wie die ehrliche Herzlichkeit dieser beiden Männer, die ich an einen Tisch gebracht hatte, zu vielen angeregten und neugierigen Gesprächen führte. Es ist nicht schwer zu erraten, dass sich meine Überraschung in Grenzen hielt, als mein Freund begeistert nach weiteren gemeinsamen Aktivitäten fragte und mein Mann sofort noch erfreuter einstimmte- es ist leicht Menschen, die ich liebe zusammen zu bringen, sind sie doch alle sehr gesellig, liebenswert und offen für alles Neue. So ging es also zunächst zum Dart spielen, wo Carstens Angewohnheit Bescheidenheit auch im Sinne der neugewonnenen Freundschaft in den Vordergrund zu stellen, bei Mürsel die erste Kränkung nicht allzu schwer ausfallen ließ, doch war ich mir bei der zweiten Runde nicht ganz sicher, ob mein zuvor so siegreicher Mann absichtlich schlechter spielte. Mürsels Laune war kaum zu übertreffen und so ging er also bei dem auf welche Art und Weise gewonnenen zweiten Spiel in seinem Element auf, war liebenswert wie eh und je und bezüglich der weiteren Organisation unseres Aufenthalts gewohnt hilfsbereit- Auto, Ausflüge, Bahnkarte und jeden weiteren Wunsch wollte er natürlich höchstpersönlich erfüllen und meinen Erfahrungen zufolge steht unser Flitterwochenprogramm schon längst fest, ohne dass wir es wissen. Carstens durchgängige Begeisterung und Wissbegierde blieben auch nach Mürsels Abschied ungebrochen, was uns einen gemütlichen Abend in Alsancak bescherte und auch die kurze Rast im Hotel konnte der guten Laune keinerlei Abbruch tun. Etwas später am Abend durfte ich mit Verwunderung feststellen, dass das sonst so laute, bunte und junge Alsancak, auf den bisherigen Erfahrungen basierend, nahezu still, leer und geschlossen wirkte. Vermutlich steht dieser Umstand im Zusammenhang mit dem Ramadan, doch wäre die Türkei nicht die, die ich kenne, wenn wir nicht auch noch nachts um ein Uhr ausreichend Auswahlmöglichkeiten an Restaurants vorgefunden hätten, wo das mehr als verspätete Abendessen den ohnehin wundervollen Tag abschließen konnte.

4 Kommentare 23.6.15 02:04, kommentieren

Soviel vergessen...

...und das war (fast) alles nur unwichtig. Es fing mit einem durchaus fitten, frisch verheirateten Ehepaar und einem gegebenenfalls durch die Menge des Gepäcks irritierten Taxifahrer an. Der legte den tatsächlich wichtigen Regenschirm der Trauzeugin aufs Autodach und fuhr einfach los. Der Klassiker. Sie hat ihn aber eigenhändig gerettet. So ist sie eben. Unter den noch vorherrschenden Eindrücken des, ohne es zu übertreiben, für uns schönsten Tag in unserem Leben, sollte noch das ein oder andere vergessen werden... Dass wir in İzmir wohl kaum einen Haustürschlüssel brauchen werden, dass man Geld abheben sollte, bevor man den Weg zu den Gates beschreitet oder dass türkische Zeit nunmal türkische Zeit ist. Da geht der Flieger mal eine Stunde später, der Taxometer zeugt noch von Zeiten als wir hier in Millionen gerechnet haben und die Technik versagt auch manchmal, so dass es bis zum Internetzugang Stunden dauert. Aber wer mit diesen Menschen, die uns gestern begleitet, unterstützt und mit uns gefeiert haben, eine für das eigene Befinden rundum glücklichen Tag verlebt hat, der genießt dieses Gefühl alles nicht so ernst zu nehmen. Und so gelang uns ein kurzer Spaziergang über den Cumhuriyet Meydanı, begleitet von einer ähnlich hohen Anzahl von Möwen, wie sie in Bremerhaven zu finden sind, entlang der Meeresküste und vorbei an der denkbar skurrilen Zusammensetzung aus modernsten Restaurants, Cafés und Hotels, zwischen Baracken, Baustellen und immer noch geöffneten Läden. Das Schlafen sollten wir aber nicht vergessen. Das war schon in den letzten Tagen zu oft der Fall. Und so verabschieden wir uns vorerst zum flittern und vergessen vor allem eins nicht: wie schön dieser Tag war, den wir uns gegenseitig geschenkt, aber auch unsere Freunde und Familie uns geschenkt haben.

2 Kommentare 22.6.15 01:23, kommentieren

Abschied

Der vorletzte Tag sollte wie vorausgesagt mit einer Menge Spielen begangen werden.

Nach dem täglichen bloggen, den Nachrichten für die Daheimgebliebenen und ein wenig Haushalt war es schon wieder fast Mittag, weswegen das ausgefallene Frühstück in Mittagessen umgewandelt wurde, bevor ich gemeinsam mit Şelon und Salo meine Begeisterung für Dart entdeckte.

Die freundlichen Kellner aus der Bar sherwood hatten in der Mittagszeit nichts zu tun und so konnten wir nach ein paar Runden Dart auch noch zum tavla spielen übergehen.

Zu meinem Vergnügen fand ich einen wirklich guten Gegner und so verlor ich zurecht, aber mit Freude. Das wirklich wichtige Match stand schließlich noch aus: çapulcu gegen Polizist.

Gut, dass ich mir die Energie gespart hatte, auch wenn ich Mürsel erinnern musste seinen Kollegen Mehmet nicht zu sehr zu triezen, sei dieser schließlich nicht der einzige, der gegen eine Deutsche verloren hatte.

Um den Abend noch einmal zu genießen, zog es mich ein letztes Mal nach Bornova, wo ich mich noch einmal dem Genuss von Livemusik hingab, Zuhause machen wir das dann wieder selber. Vielleicht sogar auf türkisch.

Ich hatte mich in meiner Zeitkalkulation allerdings so sehr versehen, dass ich die letzte Metro verpasste und mich daher dazu entschied die Nacht zum Tag zu machen. Da ich am Freitag sowieso früh schlafen müsste, aufgrund der unchristlichen Zeit zu der der Wecker Samstagmorgen (vier Uhr!) klingeln würde, war das leicht in Kauf zu nehmen und da sich neben Şelon und Salo auch noch ein befreundetes Ehepaar der Runde anschloss, gab es mehr als reichlich Gesprächsthemen.

Früh morgens verließ ich die wirklich nette Runde, fuhr erstaunlich allein mit der ersten Metro zurück und begab mich erst einmal in den erstbesten Einkaufsladen.

Ich muss sagen, es ist schon sehr komfortabel, dass es hier keine festgesetzten Öffnungszeiten gibt, denn so konnte ich zu einer für Deutschland undenkbaren Zeit gemütlich die Zutaten für das letzte gemeinsame Frühstück mit Yelda und Mürsel einkaufen.

Zuhause angekommen machte ich mich auch sogleich ans Werk, um meinen lieben Freunden hier ein stärkendes Frühstück zuzubereiten, bevor sie zur Arbeit aufbrechen mussten.

Unser sehr ausgiebiges Frühstück mit Salat, menemen, Käse, sigara börek und natürlich viel Tee, wurde insbesondere für Yelda und mich eine wahre Abschiedsorgie, da ich sie im Gegensatz zu Mürsel am Abend nicht mehr sehen würde.

Nachdem ich mich noch kurz auf dem Sofa ausgeruht hatte, mussten wir uns jedoch letzten Endes tatsächlich verabschieden.

Ich schätze mich wirklich glücklich auch Yelda kennengelernt zu haben und so fielen der Abschied und die Versprechen mehr als herzlich aus.

Bevor ich bei dem nicht heißem, jedoch schönem Wetter auch nur noch eine Minute in der Wohnung blieb, entschied ich mich spontan nach Konak zu fahren, um dort am Meer ein bißchen zu ruhen, hatte der nicht vorhandene Schlaf doch seine Spuren hinterlassen.

Doch allzu lange hielt ich es so still dann doch nicht mehr aus, entschloss mich für Mürsel noch Massen an Kürbiskernen zu besorgen, da er daran glaubt sie würden ihm beim Lernen helfen und sein Gehirn stärken. Auch für einen kleinen Snack sollte das Geld noch reichen und so brutzelte schnell in der Pfanne mein sehr spätes Mittag- oder sehr frühes Abendessen.

Jetzt ist noch Koffer packen angesagt und viel Daumen drücken, dass ich nicht das vorgegebene Höchstgewicht überschreite. Gott sei Dank wird nur der Koffer gewogen und nicht ich.

Die letzten Wochen waren wieder voller wundervoller Eindrücke und toller Menschen, so dass ich mit vielen schönen Erinnerungen nachhause fliegen kann.

Sozusagen ein zweifaches Geschenk, denn Zuhause ist es ja bekanntermaßen am Schönsten.

11.10.13 19:14, kommentieren

Die wollen nur spielen!

Die unruhige Nacht hatte ich schon beim ersten Blick nach draußen sofort vergessen, als ich den strahlend blauen Himmel entdeckte.

In den letzten eineinhalb Wochen hatten wir unter, für türkische Verhältnisse, entschieden zu kaltem Wetter gelitten und so zog es mich schnell auf den Balkon, wo Mürsel und ich amüsiert den unterschiedlichsten Botschaften lauschten: İrem hatte Carsten eine Nachricht auf Deutsch geschickt, der wiederum ließ es sich nicht nehmen ihr eine auf Türkisch zu schicken, Mürsel hatte meinem Papa per Videobotschaft im Nachhinein beigepflichtet nicht gegen mich zu spielen, was meinen Papa dazu veranlasste, ihm eine liebe Sprachnachricht zu senden und so verging die erste Zeit dieses wundervollen Tages mit viel Gelächter, Beifallsbekundungen und Freude.

Doch musste ich Mürsel noch nicht einmal streng ermahnen nun für sein bevorstehendes Examen zu lernen, sondern er setzte sich von selbst fleißig an seine Arbeit, während ich zum Mittagessen durch sein Viertel zog.

Ich hatte Üçyol bisher kaum erkundet und ließ mich daher nach einem kurzen Snack beeindruckt von den vielen Gassen, durch sein Viertel treiben.

Nach einiger Zeit hatte ich mich jedoch an den Geschäften, Restaurants, Schulen, Menschen und dem immer noch interessanten Verkehr satt gesehen, da Konak etwas zu bieten hat, was hier nicht zu finden war: die See!

Daher saß ich auch schon eine Station mit der Metro später zufrieden mit der Welt an der Seepromenade und beobachtete lieber von hier aus, was das Land zu bieten hat.

In der milden Sonne hatten sich einige Menschen aller Altersklassen in der dort angelegten Grünanlage eingefunden, um zu picknicken, zu spielen oder sich auszuruhen. Mir fiel auf, dass niemand ein Buch las und erinnerte mich daran, dass ich selbst meine Bücher Zuhause vergessen hatte.

Als ich mich nach einiger Zeit auf die Suche nach Hemden für Papa machte, landete ich aus Versehen auf dem Basar statt im Hochzeitsviertel im Katzenparadies. Frischer Fisch wohin man auch sah! Ich muss zugeben, dass ich doch ein wenig erleichtert war, als ich den richtigen Weg endlich fand- ich finde es immer noch gruselig und der durch die Masse an Fisch wirklich intensive Geruch, schlug mir doch etwas auf den Magen.

Nachdem ich ein Dutzend Geschäfte abgeklappert hatte, war ich immer noch nicht fündig geworden und verschob die Besorgung auf einen der nächsten Tage, da mich Mürsel Zuhause erwartete, um Richtung Bornova zum Dart spielen aufzubrechen.

Mein knurrender Magen, ich hatte auf der Suche vergessen etwas zu essen, ließ das Gesicht meines Gastgebers aufleuchten, hatte er doch einen guten Grund wieder mit Yelda und mir in den Burgerladen zu gehen, den er so mochte.

Also nochmal Burger. Auch kein Problem. Jetzt ist es auch egal.

Im sherwood angekommen flogen sodann die Dartpfeile, mehr oder weniger geschickt, so dass mich spontan zwei Kellner, die ich bereits bei den letzten Besuchen kennengelernt hatte, einluden am nächsten Tag mit ihnen ein paar Runden Dart zu spielen- eine Einladung die ich schlecht ablehnen konnte, wo es mir doch solchen Spaß brachte und Mürsel auch wieder arbeiten musste.

Spät am Abend, aber gut gelaunt, zogen wir nun Richtung Metrostation, trafen auf zwei Kollegen von Mürsel, tranken Tee mit ihnen und vergaßen dabei fast, dass wir eigentlich zur Metro wollten.

Einer von Mürsels Kollegen stellte nach einiger Zeit völlig begeistert fest, dass er in der Lage sei sich mit Ausländern zu unterhalten, was seitens seiner Kollegen zu großem Gelächter führte, war es doch kein Wunder, dass er es konnte. Schließlich sei die Ausländerin in der Lage seine Sprache zu sprechen und nicht er habe wie durch ein Wunder die englische oder deutsche Sprache erlernt.

Um noch einen draufzusetzen, erklärte Mürsel stolz wie gut ich tavla spielen würde, fast so als ob er es mir beigebracht hätte, was zu meiner zweiten Spieleeinladung für den morgigen Tag führte.

Natürlich stand es für mich gar nicht zur Debatte die Einladung auszuschlagen- hatte ich doch schon keine Demonstration anzetteln können. Also wollte ich wenigstens mein Bestes geben, um meinen Standpunkt beim tavla klarzustellen.

Und weil wir schon beim Thema waren, schlug Yelda Zuhause vor gemeinsam eine Runde zu spielen, was auch direkt in die Tat umgesetzt wurde.

Im Anschluss musste ich erneut als Übersetzerin hinhalten, der Tag der Botschaften sollte nicht abreißen, denn das Paar wollte gerne gemeinsam Grüße an Carsten übersenden.

Es war ein Heidenspaß! Mir ist seit dem Erlernen der türkischen Sprache schlagartig klar, warum sich türkische Menschen mit der deutschen Sprache so schwer tun. Den z-Laut gibt es nicht, das ch schon gar nicht, das r wird nicht gerollt und ein j ist hier höchstens ein falsch gemaltes i. Diese und andere Schwierigkeiten machten die Aussprachübungen für uns alle dermaßen komisch, dass es nicht nur fünfzehn Videos brauchte, bis wir eines bis zum Ende gedreht hatten, sondern brachte Mürsel auch zu der Aussage, dass meine türkische Aussprache sogar besser als seine englische sei und die wäre ja sehr wohl einfacher.

Gerührt von diesem Lob und von den lieben Worten, die er in einem zweiten Video fand, verschwand ich viel zu spät für einen konzentrierten Spieletag im Bett und verschickte natürlich noch zuerst die Videos an den von den Beiden bestimmten Empfänger.

1 Kommentar 10.10.13 10:32, kommentieren