Shoppen, Schuhe, Salsa, Spiele!

Mit etwas weniger Schlaf als am Vortag, begann ein nicht weniger gemütlicher Morgen, wenn auch ohne Frühstück. Ich fühlte mich vom Vortag noch so gesättigt, dass ich es vorzog erst gegen Mittag meinen Weg nach Konak anzutreten und dort Mittag zu essen.

Es erstaunt mich jedes Mal gleichermaßen aufs Neue wie viele Menschen hier leben und wie hektisch der eine Teil und wie ruhig der andere Teil von ihnen ist.

Mürsels Erklärung für diese Hektik war sehr einfach: in der Türkei gibt es laut meinem Gastgeber kein funktionierendes System. Und das lässt sie wie kopflose Hühner herumlaufen.

Immer noch lachend über diese Erkenntnis ließ ich mich also an einem büfe (Kiosk) nahe der Metrostation in Konak nieder, um lediglich einen Ayvalık tost zu essen und einen Tee zu trinken. Das reichte mir immer noch nach dem gestrigen Tag, um gut gestärkt in den Tag zu gehen.

Die meisten kleinen büfes fungieren hier tatsächlich als Kiosk, einige größere haben jedoch rund um ihren Stand kleine, einfache Hocker und Tische aufgestellt und ermöglichen kleine Snacks zu kleinen Preisen. So simpel das erscheint, so gut funktioniert das auch. Hier leben einfach zuviele Menschen, als dass die büfes nicht gut genug besucht wären, erst recht nicht an einem so zentralen Ort wie Konak.

Hier finden sich die wenigen zentralen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wenn man die weniger zentralen Orte, wie Ephesos, Çeşme und das Sterbehaus der Mutter Maria nicht dazu zählt, also der Basar, eine wundervolle kleine Moschee, der saat kulesi (Uhrenturm und Wahrzeichen von Izmir), der Cumhürriyet Meydanı (der Platz der Republik) mit der Atatürk- Statue und eben Alsancak mit seinen unzähligen Bars.

Als ich gerade in Gedanken bei den bevorstehenden Besorgungen die letzten Schlücke meines Tees trank, wurde ich abrupt von etwas Weichem an meinem linken Bein aus den Gedanken gerissen und nein, es war diesmal nicht eine der von mir zahlreich gefütterten und gestreichelten Katzen, sondern eine ganz entzückende Hundedame, von denen es nicht minder weniger in der Türkei gibt.

Ihrer offensichtlichen Aufforderung mit ihr zu schmusen kam ich nach einem kurzen Blick auf ihr Ohr, sie hatte den Chip der sie kennzeichnete auf Krankheiten untersucht worden zu sein, auch sofort nach, bestellte der gemütlich Hündin unter den missbilligenden Blicken des Kioskbesitzers ihr Mittagessen und verschwand sodann zufrieden mit der Welt in dem Getümmel.

Auf dem Basar angekommen, wurde eifrig mit einem Händler diskutiert, ein paar Lederbänder eingesackt und wieder Tee bei Meister Ömer getrunken. Zwischen Taschentücher verkaufenden Menschen (so lange sie nicht im Namen Gottes betteln, kaufe ich ihnen immer etwas ab), einem Akkordeonspieler und Dutzenden Tee trinkenden Türken beobachtete ich gemütlich im Pulli eingepackt die fleißigen Schuhputzer, die eifrigen Kellner, die um neue Gäste warben und die geschäftigen Hausfrauen, die ihre erstandene Ware nachhause trugen.

Nach Telefonaten in die Heimat trugen mich meine lila Chucks an der See entlang Richtung Alsancak. Nicht nur das in den letzten zwei Wochen reichlich verzehrte Essen verleitete mich zu diesem langen Spaziergang, vielmehr ist die wundervolle und endlos lange Promenade entlang der heute sehr ruhigen See wunderschön.

Neben Anglern, laut um Kundschaft heischenden Barbesitzern, simit verkaufenden Straßenhändlern und der üblichen Masse an Menschen, kann es erstaunlich friedlich sein, wenn man sich nur die Zeit nimmt den Anblick zu genießen.

In Alsancak widerstand ich der großen Versuchung den dortigen Converse-Laden leer zu kaufen, aß stattdessen am Straßenrand lieber midye (Muscheln, hier mit Reis gefüllt und Zitronen zum Geschmack verstärken), nahm in einer Bar Platz und las die Neuigkeiten aus aller Welt nach.

Meine Güte, was man alles so verpassen kann! Die Göring-Eckhardt kenn ich ja, aber wer ist dieser Hofreiter?!

Mit dieser und anderen Fragen im Kopf ging es durch das wundervolle Viertel zum shoppen und das ist hier wirklich zu einfach. Es gibt zuviele schöne Dinge hier und da muss man sich ab und an auch mal zusammenreißen. Aber eben auch nicht immer.

Daher saß ich nun vollbepackt bei Starbucks, um meinem Kaffeeentzug gerecht zu werden, wurde höflich von dem Kellner für mein hochtürkisch gelobt (süß, komisch, hochtürkisch- ich hab jetzt schon eine Menge Beschreibungen sammeln können) und überlegte in welche Richtung ich wohl eins der halblegalen Taxen nehmen musste, um nach Konak und somit zur Metro zu gelangen.

Ich erinnerte mich also langsam an den Abend im Juni, an dem ich mit Yelda hier gewesen war, als ich ihn plötzlich sah: DEN Schuhladen! Ich bin ja bis auf Chucks nicht so leicht von Schuhen zu begeistern, aber die hier waren kleine Meisterwerke!

Die Pumps, Sneaker und Boots waren in den fantasievollsten Färben und Formen bemalt, aber alle ergaben sie ein einzigartiges Bild. Und so konnte ich mich nicht zusammenreißen, musste an Papas Goldschmiedelehrerin Annette denken und probierte direkt das erste Paar an.

Ja, mein Gott, ich bin halt auch nur eine Frau. Dafür eine vernünftige... Ein Paar Winterboots später verließ ich glücklich verliebt in mein neues Paar Schuhe den Laden und wusste: sollte ich hier nochmal vorbeikommen, wird es auf das gleiche Resultat hinauslaufen...

Etwas erschöpft von dieser Tour traf ich sodann bei Mürsel ein, in der Hoffnung bei ein paar Kürbiskernen das entscheidende tavla-Match in Ruhe ausspielen zu können. Doch ich hatte falsch gedacht, schließlich ist der Dienstag normalerweise mein Tanzabend.

Und so schleppte mich der von dieser in der Tat sehr guten Idee begeisterte Mürsel auf dem Rücksitz seines Motorrads wieder zurück nach Alsancak auf eine Salsa-Party!

Leider konnte Mürsel nur den Grundschritt, den ich aber gerne mit ihm tanzte, auch wenn ich zwischendurch andere Tanzpartner fand. Die ähnlich wie in Deutschland sehr entspannte Stimmung auf diesen Partys ist soviel angenehmer als die meisten größeren Partys und so war es sehr schade, dass das Lokal bereits um Mitternacht schloss.

Auf dem Heimweg hielten wir zwischendurch an, um von den Bergen aus die wundervolle Aussicht auf die Stadt zu bekommen. Die tausenden Lichter ergaben einen tollen Kontrast zu der schwarzen See und den grau wirkenden Bergen am Horizont. Es ist wirklich schön hier.

Doch auch nach dem 'Abendessen' sollte noch nicht genug mit der Unterhaltung sein: Mürsel wollte die tavla-Entscheidung heute Nacht fällen.

Also klackerten behände die kleinen Würfel über das Brett, oftmals begleitet von den Anfeuerungsrufen meines Gastgebers und am Ende hatten wir schlicht und ergreifend einen schönen Abend verlebt. Das musste selbst der nicht ganz so ernst geknickte Mürsel sehen, verlor er doch, sollte man seinen Worten beim Gute Nacht wünschen glauben, gerne gegen seine kleine Schwester.

3 Kommentare 9.10.13 10:32, kommentieren

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Erster Abschied

Heute wurde zur Abwechslung mal ausgeschlafen und neben dem üblichen bloggen noch schnell abgewaschen und schon war ich in Konak.

Unwillkürlich zieht es mich nicht immer auf den Basar, aber schließlich denkt man auch an die Aufträge der Lieben Zuhause und bevor ich mich komplett und Getümmel schmiss, wollte ich erstmal etwas essen, was ich schön hätte bleiben lassen, wenn ich gewusst hätte wie der Tag seinen Lauf nimmt. Aber das ist ja das Spannende. Man weiß es eben nicht. Ich sowieso nicht.

Also bestellte ich in einem von Restaurants gefüllten Teils des Basars wohlschmeckenden ızgara döner und betrachtete etwas gedankenverloren das sonst von mir eher als faszinierend empfundene bunte Treiben.

Da ich aber auf eine wichtige Nachricht von Zuhause wartete, konnte ich mich nicht richtig konzentrieren und so war ich erst ein wenig irritiert, als mich ein Mann ansprach und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe.

Das Restaurant hatte sich zwischenzeitlich deutlich gefüllt, weniger wegen meiner Anwesenheit, als aufgrund der vorgerückten Stunde und so antwortete ich ihm möglichst konzentriert und höflich, dass genug Platz sei und er sich gerne setzen möge.

Es fiel mir nicht auf, dass er mich bei dem etwas lustlos genossenem Essen betrachtete, fragte mich aber dann doch irgendwann wo ich türkisch gelernt habe.

Diesmal war es Moldavien. Ich höre ja die verrücktesten Vermutungen wenn es um meine Nationalitätenzugehörigkeit geht, aber an Moldavien kann ich mich nicht erinnern.

Und so stellte sich schnell heraus, dass Hüssein aus Koblenz kommt, einwandfreies Deutsch spricht und sich auf dem Basar nicht auskennt, da er sonst in seinem Ferienhaus in Çeşme lebt.

Und während wir über Politik, die Türkei, Deutschland und unsere Familien sprachen, übernahm er ganz nebenbei die Rechnung fürs Mittagessen, was trotz aufrichtiger Proteste unumgänglich war ('Du bist hier Gast').

Daher gab es für mich nur Eines womit ich mich bei ihm bedanken konnte: ihm den Basar zeigen und ihm damit vor seinem heutigen Abflug die Möglichkeit zu geben, noch ein paar mehr Mitbringsel für seine Lieben daheim zu ergattern.

Nachdem ich selbst noch einmal die Arbeit eines mir bekannten Handwerkers überprüfte, kam die ersehnte (gute) Nachricht aus Deutschland, so dass ich erleichtert meinen Tag fortsetzen konnte und mich zunächst herzlich von meiner neuen Bekanntschaft verabschiedete, bevor es für mich nach Bornova gehen sollte, um den ersten Abschied in dieser Woche hinter mich zu bringen:

İrem musste zurück nach Adana, da nächste Woche bayram ist, diesmal das Opferfest und in der ganzen Hektik um die vergangene Verlobungsfeier hatte sie vergessen Flugtickets zu buchen. So musste sie deutlich verfrüht und auch noch mit dem Bus am nächsten Tag nach Adana reisen, um überhaupt bei ihrer Familie sein zu können.

Also saß ich immer wieder von den Menschenmassen überwältigt, die sich im Fünfminutentakt von der Metrostation in Bornova entfernten oder eben ankamen, in der etwas wärmenden Sonne und wartete auf Yelda und İrems Eintreffen.

Kurze Zeit später ging es auch schon mit den Mädchen in Richtung des Forum Bornova, einem sehr modernen Einkaufszentrum, das weniger zum typisch türkischen Einkaufen einlädt und vielmehr an eine glanzvolle Ausgabe der Bremer Innenstadt erinnert.

Natürlich mussten wir etwas essen und auf das Drängen von Yelda fanden wir uns bei Burger King ein. Burger King ist nicht unbedingt für seine südländischen Spezialitäten berühmt. Kann man so nicht behaupten. Aber dass das Fleisch helal ist, das ist meiner Meinung nach immer noch eine Goldgrube für Deutschland.

Nachdem wir leider kein Kleid für İrem gefunden hatten, mussten es auch noch waffles sein und ich schwöre ich lass mich nicht gehen, aber da man hier entweder zum Essen genötigt wird, weil die Gastgeber es gerne so wollen oder weil die eigene Neugierde auf landestypische Küche so groß ist, kommt man nicht drum herum.

Waffles wird es auf dem nächsten Kindergeburtstag geben, da bin ich mir sicher. Stinknormale Waffeln mit allem gefüllt was das Herz begehrt- jede Frucht, verschiedene Schokoladensorten, bunte Streusel, Schokodrops, Dessertsoßen und was weiß ich noch alles, lösen ein regelrechtes Geschmacksfeuerwerk aus, wenn man so einen kindlichen Geschmack hat wie ich ihn habe.

Um Yelda und Mürsel ein wenig Zweisamkeit zu verschaffen, besuchten İrem und ich den küçük park in Bornova, ein kleiner Fleck mit mehr Kneipen und Discotheken als Bremen vermutlich über das gesamte Stadtgebiet verteilt hat, um uns im sherwood niederzulassen, Dart zu spielen und uns über den freundlichen Kellner zu freuen, der sich nicht nur an mich erinnern konnte, sondern uns auch gleich Getränke und Früchte (ohne Eiswürfel!) spendierte.

So zogen wir später am Abend gut gelaunt in die nahe gelegene WG von İrem und ich übersetzte ihr auf ihren Wunsch hin einige Sätze für Carsten, die sie sogleich sorgfältig in die Kamera sprach und sich unheimlich über mein Lob bezüglich ihrer Aussprache freute. In Zeiten von whatsapp versteht es sich für die Mädchen von selbst Videobotschaften zu übermitteln und so verabschiedete ich mich später immer noch von ihren lieben Worten gerührt an der Metrostation, nur um für mich festzustellen, dass diese Frau allein schon Grund genug ist, dem Versprechen nachzugeben, dass ich ihrer Mutter fünf Minuten zuvor am Telefon geben musste und irgendwann nach Adana zu reisen.

Zuhause wurde es wahrhaftig lustig, als Mürsel für sich ein Neues deutsches Wort entdeckt hatte. Es umschreibt aus meiner Sicht auf sehr unhöfliche Art einen bestimmten Schlag südländischer Männer, deren Habitus überwiegend von dem offensichtlich zu stark vorhandenen Testosteron bestimmt wird. Und so lachten wir noch lange Zeit, ohne auch nur einen tavla-Stein zu bewegen. Ich bin gespannt wann ihm das wieder einfällt...

1 Kommentar 8.10.13 10:35, kommentieren

Spielwut

Einigermaßen früh starte ich mit oklava, Mehl, Zwiebeln, Käse und Tomatenmark bewaffnet in den freien Sonntag.

Die Mädchen hatten sich zum Frühstück angekündigt und so stand ich etwas ratlos mit dem Mehlklumpen in meiner rechten Hand in Mürsels Küche und musste instinktiv an alte Werbeanzeigen aus den Fünfzigern denken:

Ich weiß nicht mehr wo ich sie gesehen hatte, aber ich weiß noch wie sexistisch ich es empfand, dass in diesen Annoncen namenhafter Gerätehersteller damit geworben wurde, der darauf abgebildeten widerlich glücklichen Hausfrau einen Staubsauger zu Weihnachten zu schenken. Oder wahlweise einen Mixer.

Das Ergebnis der Illustration war unabhängig von dem 'wundervollen' Geschenk immer das Gleiche: eine dämlich gerührte Hausfrau, die ihrem Ehemann um den Hals fiel, als ob er ihr gerade die Nachricht überbracht hätte, die Syrien-Krise gelöst zu haben und gleichzeitig Berlusconis Partei verbieten gelassen hätte.

In diesem Moment wünschte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Knethaken und fand ein ganz, ganz kleines Sympathiegefühl in mir für diese Superhelden aus den Fünfzigern.

Aber selbst ist die Frau. Also knetete ich eine Dreiviertelstunde den widerspenstigen, einfachen Teig aus Mehl, Wasser und Salz, rollte ihn zu kleinen Kugeln, um ihn dann anschließend in über zwanzig hauchdünne Yufka-Blätter mit dem oklava zu rollen. Letzteres dauerte mangels Übung bestimmt auch nochmal eine Dreiviertelstunde, machte aber bedeutend mehr Spaß.

Während İrem und Yelda den Frühstückstisch deckten und gefühlt jeden ihrer Verwandten telefonisch begeistert davon berichteten, dass ich ihnen selbstgemachte sıkma zum Frühstück servieren würde, liefen mir auch schon die Tränen übers Gesicht, als ich die Unmengen an Zwiebeln schnitt, die für die Füllung essentiell sind.

İrem drehte sodann den Wasserhahn auf und siehe da, die Tränen wurden weniger.

Zufrieden mit all den Leckereien auf dem Tisch- Yelda hatte noch Rührei zubereitet und ihre Mutter uns einiges mitgegeben, begingen wir unser ausgiebiges Frühstück, lachten über Mürsels Geschichten und beschlossen den Nachmittag mit etwas zu verbringen, was ich nach tavla am meisten liebe: okey!

Okey heißt in Deutschland, glaube ich, Rumikub. Es wird zu Viert gespielt, wobei immer zwei, nämlich die gegenüber sitzenden Personen, ein Team bilden. Kurz gesagt ist das Ziel des Spiels möglichst viele zusammenhängende Reihen oder mindestens Drillinge aus den Zahlen zu bilden, bei den Reihen von der selben Farbe (es gibt vier) und bei den Drillingen oder Vierlingen natürlich von den selben Zahlen. Die Feinheiten lasse ich mal weg, doch es war ein unheimlich amüsanter Nachmittag, den wir bei zwar immer noch kühlem Wetter, aber herrlichem Sonnenschein in Alsancak genießen konnten.

Nachdem İrem und ich mit gerade mal einem Punkt Vorsprung gewinnen konnten, machten wir und zum Abendessen (wir hatten wirklich lange um den Sieg spielen müssen) auf nach Bornova, um in Mürsels Lieblings-Hamburgerladen eben diese zu verdrücken.

Ich weiß noch nicht so ganz woher diese Begeisterung für Fastfood kommt, schätze ich persönlich doch die türkische Küche so sehr, aber die handgemachten Brötchen und die anders anmutenden Gewürze machten auch dieses Abendessen, nicht nur aufgrund Mürsels vorangegangener Huldigungen bezüglich der Burger, sehr lecker.

Nachdem İrem und ich uns noch für den nächsten Nachmittag verabredeten, sie fliegt am Dienstag wieder nach Adana, hieß es für Mürsel und mich auch den Heimweg anzutreten. Mitten auf dem Bahnsteig von Bornova erreichte mich sodann meine liebe Stimme aus Deutschland und während ich noch glücklich in der Metro über meine Lieben Zuhause nachdachte, verlangte Mürsel auch schon nach einer Runde tavla. Die ganze Spielerei hatte ihn dazu angestachelt das große Entscheidungsspiel beim tavla anzugehen.

Für diejenigen, die diese eigentlich eher unbedeutende Information zurecht schon vergessen hatten:

Als Mürsel im Mai in Deutschland war, wurde er bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Das Gespräch kam auf das Spiel tavla und Mürsel zeigte sich erstaunt darüber, dass mir das Spiel geläufig sei und schlug vor gegeneinander zu spielen.

Wohlweislich riet mein Papa ihm jedoch davon ab, wolle er nicht (und da begann Papa ein bißchen zu übertreiben), zum Opfer der weiblichen Gene meiner Familie werden, schließlich würden die Frauen mütterlicherseits alles gewinnen was mit Karten, Würfeln, Steinen oder ähnlichem zu tun habe.

Mürsels türkisches Herz konnte der Versuchung nicht widerstehen, war es doch geradezu eine Frage der Ehre. Ein türkischer Mann verliert nicht gegen eine Frau in tavla. Erst recht nicht gegen eine Deutsche. Ist doch tavla hier fast ausschließlich ein Amüsement für Männer.

Also entschloss er sich zu einer Wette: sollte er gewinnen, müsse ich traditionell seine Hand küssen, sie an meine Stirn führen und ihm sagen, dass er größer als ich sei. Sollte ich unwahrscheinlicher Weise gewinnen, würde er das Gleiche machen. Außerdem sollte ein Beweisvideo gefilmt werden.

So flog ich zunächst im Juni in die Türkei, um im selben Monat mit einem Video zurückzukehren, auf dem mein freundlicher Gastgeber meine Hand küsst und gequält in die Kamera lächelt.

Diese Niederlage hatte er bis in den September nicht verkraftet und bei unserem zweiten Spiel gewann Mürsel.

Daher war es ihm nun also wichtig, ein Entscheidungsspiel zu fordern. Nachdem ich aber die ersten beiden Runden gewonnen hatte, sah er eine erneute Niederlage kommen und verschob die endgültige Entscheidung auf den morgigen Tag, so dass wir Kürbiskerne essend einen gemütlichen Abend bei netten Gesprächen auf dem Sofa verbrachten.

Mal sehen, wann er sich fit genug für die nächste Runde tavla fühlt...

7.10.13 11:40, kommentieren

Kalorienzufuhr

Bevor es heute zu Yeldas Eltern gehen sollte, wollte ich gerne mal meine eigenen erreichen und siehe da: es klappte.

Neben dem Gespräch mit meinen Gott sei Dank gesunden Eltern, traf mich dann noch die Erkenntnis, dass liebevolle Kinderstimmen, die ein 'Ich hab dich sehr lieb' ins Telefon flüstern, schlimmes Heimweh auslösen können.

So traf es sich gut, dass İrem mich direkt im Bus nach Buca ablenkte und während sie fröhlich die neusten Informationen zu unserem Aufenthalt bei Yeldas Eltern preisgab, musste ich erstmal sortieren:

Die etwas altmodischen Türken Wissen nichts von Mürsel. Die Mutter schon. Die weiß wiederum aber nicht, dass ich bei Mürsel wohne, geschweige denn dass Yelda je diese Wohnung betreten hat. Wohnen tu ich daher bei İrem. Offiziell. Und kennen tu ich Mürsel in Gegenwart des Vaters schonmal gar nicht. Und während İrem diese etwas verwirrenden Informationen wie am Band runterratterte, streifte sie mir schon einen Ring über den rechten Finger. Meinen fragenden Blick ignorierend fuhr sie mit meiner Legende fort, wie ich die Mädchen kennenlernte (Programm für meinen Beruf an der Universität von İrem), dass ich verlobt sei (das erklärte den Ring) und dass ich einfach auf heikle Fragen mit 'anlamadım' ('das habe ich nicht verstanden') antworten solle.

Meine Güte, es ist nicht leicht ein türkisches Mädchen zu sein, wenn man nicht gerade in einer so modernen Familie wie İrem aufwächst. Und die hat es ja schon nicht so leicht.

Meine kurzfristige Verwirrung über diese Legenden erinnerte mich daran Carstens Vorschlag Folge zu leisten, den Papa ebenfalls befürwortete und einen kurzen Abriss über die Personen zu geben. Wer bis jetzt durchgestiegen ist: Lob und Anerkennung! Nächsten Absatz überspringen, würde ich meinen. Für diejenigen die mit den ganzen Namen langsam durcheinander kommen: es ist meine Schuld. Ich muss hier immer auf diesem Irre kleinen Handy diese wahrhaft zahlreichen Eindrücke niederschreiben, da verlier ich auch manchmal die Übersicht...

1) Mürsel. Mürsel ist ein türkischer Austauschkollege, den ich im Mai in Deutschland kennenlernte und der sich im Juni um mich kümmerte, als ich wiederum nach Izmir kam. Bei Mürsel wohne ich. Im Wohnzimmer. Schlafcouch. Sehr bequem.

2) Yelda. Yelda ist Mürsels Freundin und hat sich im Juni schnell mit mir angefreundet. Und hat halt strenge Eltern. Himmet und Nezire. Und einen kleinen Bruder hat sie auch noch. Der heißt Mustafa.

3) İrem. İrem ist Yeldas beste Freundin und die älteste Tochter von Ömer und Bilgehan. Ihre Schwestern (Ebru und Refika) turnten mit mir auf der Verlobungsfeier ihrer Cousine in Adana herum. Wer sich erinnert.

4) Fikret. Fikret ist Mürsels Mitbewohner und spricht kein Türkisch. Deswegen ist auch die anbahnende Beziehung zu Karina (kommt noch) direkt den Bach runtergegangen. Außerdem hat er noch einen Cousin namens Gökhan. Das war der, der sich so darüber empörte, dass seine Angebetete einfach hässlich und dick wurde, bevor er mit ihr zusammenkommen konnte (sie wurde schwanger...).

5) Elena. Elena ist Bremerin (maşallah!) und hat ihren Freund Salim während ihrer Erasmus-Zeit (Uni-Auslandssemester) kennengelernt.

6) Salim. Der Freund von Elena ist eigentlich Mathematiklehrer, spielt aber derzeit ausschließlich für das American Football- Nationalteam. Er beherbergt in seiner WG natürlich nicht nur Elena, sondern auch andere Erasmus-Studenten. Darunter Karina.

7) Göksu. Göksu gehört zu den diversen Künstlern, die ich im Laufe der Zeit hier kennengelernt habe und ist mir sehr ans Herz gewachsen. Der Drummer schlägt sich mit Keramikarbeiten, Tattoos und eben mit der Band durchs Leben. Zu ihnen gehören Erdem, Mehmet und Gürkan.

8) mercimek. Mercimek ist türkische Linsensuppe. Und köstlich.

9) sıkma. Sıkma besteht aus gerolltem Yufkateig (wie beim börek), gefüllt mit Käse, Zwiebeln und Tomatenmark. Selbstgemachtem natürlich.

10) menemen muss ich vermutlich nicht mehr erklären. Jeder der es noch nicht gegessen hat, dürfte sich mittlerweile fragen, was ich an dieser Form von 'Rührei' so toll finde.

Hab ich was vergessen?! Ich weiß es nicht. Falls ja, werde ich es nachreichen.

Zurück zum anstehenden Elternbesuch bei Yelda: Wie immer wurde ich herzlichst in die Mitte der Familie aufgenommen, musste Unmengen an Leckereien kosten - kısır (ich würde das als rote Hirse umschreiben), börek (natürlich von Yelda selbst zubereitet), sade kurabiye (eine Art süßes Brötchen), elmalı kurabiye (mit Äpfeln gefüllte, süße Brötchen) und Massen an frischem Gemüse.

Mustafa, Yeldas Bruder, zählte mir begeistert jeden in Deutschland spielenden Fußballspieler auf, befand meinen Hang zu Fenerbahçe als äußerst gefährlich (sein Papa ist Galatasaray-Fan) und war für einen 14jährigen erstaunlich neugierig.

Nach einer Menge Tee, einvernehmlichen Politikgesprächen mit meinem nächsten türkischen Papa (Erdoğan ist doof, die Proteste sollten weitergehen) und einem hinreißendem Video an meine Eltern (İrem und Yelda wollten ihnen auf Deutsch eine Videobotschaft übermitteln), ging es zu der Beschäftigung die türkischen Mädchen offenbar im Blut liegt: shoppen.

Und so kam auch ich dazu den ein oder anderen Pulli zu erstehen, der bei dem mittlerweile arg kaltem Wetter hier auch nötig ist.

Aber ich bin ja nicht zum Braun werden hier, sondern zum Essen. Denn kaum wurde ich begeistert den Nachbarn vorgestellt, musste ich auch schon wieder das essen, was Yeldas Mutter in der kurzen Zeit gezaubert hatte- damla sakızlı muhallebi (ein furchtbar süßes Dessert, ähnlich wie Pudding. Natürlich musste ich aufessen. Sonst wäre noch irgendwas schlimmes passiert. Was genau, hab ich nicht verstanden.).

So ist es wohl verständlich, dass wir ziemlich erschlagen, aber ich zumindest um mehrere Kilo selbstgemachten Tomaten- und Paprikamark reicher (das ließ sich Yeldas Mutter als Abschiedsgeschenk natürlich nicht nehmen), bei Mürsel auftauchten, uns aufs Sofa fallen ließen und erschöpft 'Die Türkei sucht das Supertalent' schauten.

Ich hab das Supertalent hier schon gefunden: türkische Frauen. Wenn ich soviel mit so wenig Hilfsmitteln für soviele Leute kochen müsste, wäre ich vermutlich überfordert. Das sollte sich am nächsten Tag auch zeigen... Hatte ich doch den Mädchen und Mürsel versprochen sıkma zum Frühstück zu machen.

6.10.13 12:21, kommentieren

Echter Kaffee!!

Relativ früh machten Mürsel und ich uns auf, um bei bestem menemen auf dem alten Basar einige Mitbringsel zu besprechen, die Arbeit der beauftragten Handwerker anschließend als nicht zufriedenstellend zu befinden (müssen sie halt nochmal von vorne anfangen) und Schlüssel nachmachen zu lassen.

Der gestrige Tag hatte Mürsel dazu veranlasst mir noch mehr Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit zu gönnen und so zogen wir um 3€ ärmer, dafür um drei Schlüssel reicher nachhause, um uns eine Reportage des Discovery Channel über Hypnose anzusehen. Seinen Dienst versah Mürsel nämlich mal wieder überwiegend Zuhause und da das Wetter in den letzten Tagen - deutlich unter 20 Grad - nicht gerade das Beste war, erschien so ein gemütlicher Vormittag attraktiv.

Nachmittags zog ich alleine Richtung Bornova los, um mit der Bremerin Elena etwas Essentielles zu machen: Kaffee trinken. Echten Kaffee. Keinen türkischen. Auch keinen selbstauflösenden Nescafé. Echten, richtigen Kaffee.

Wer jetzt denkt er habe es mittlerweile verstanden: werdet mal zwei Wochen auf Kaffeentzug gesetzt, wenn ihr jeden Morgen Weltklasse zubereiteten Kaffee mit Milchschaum und ein bißchen Kakaopulver oben drauf serviert bekommt. Jeden Morgen.

Da glaubt das verwöhnte deutsche Mädchen, dass Starbucks der Vorhof zum Himmel ist.

Doch dafür musste ich erstmal nach Bornova gelangen, was sich heute als nicht allzu leicht herausstellen sollte.

In der Metro-Station hielt ich schon beiläufig dem Security-Menschen meine Handtasche hin, der geübt gelangweilt mit seinem Metalldetektor an ihr vorbeischwang, während ich meine Kent Karte auf den Magneten legte und um 2 türkische Lira erleichtert das Drehkreuz passierte.

Dieses System ist wirklich großartig. Man kann 90 Minuten lang egal ob mit Bus, Metro, U-Bahn oder Fähre egal in welche Richtung und so oft man will fahren, ohne erneut bezahlen zu müssen.

Am Bahnsteig angekommen sah ich zu meiner Zufriedenheit die Zahl eins auf der Anzeigetafel für die berechnete Ankunftszeit der nächsten Metro, nur um dann geschlagene neun Minuten zu warten.

In Hilal stand die Metro dann plötzlich und eine Station vor Bornova fuhren wir nur noch in Schrittgeschwindigkeit.

Elena, die an der Haltestelle auf mich wartete, hatte zwischenzeitlich die Nerven verloren und angefangen herumzutelefonieren.

Nur war sie bei meiner Ankunft offenbar so erleichtert, dass sie vergaß Rückmeldung über mein Eintreffen zu geben. Aber das war dann auch nicht mehr so schlimm. Die Information verbreitete sich noch schnell genug.

Dem eisigen Wind trotzend saßen wir zunächst zum Mittagessen zusammen, um anschließend eine nicht ganz unwichtige Jackenfrage in einem Einkaufsladen zu klären und danach die Kür anzutreten:

Kaffee trinken. Richtigen Kaffee. Ich weiß, ich habe es schon erwähnt. Aber einfach gemütlich zusammenzusitzen, auch wenn die Temperaturen uns nach einiger Zeit zwangen aufzugeben, Kaffee zu trinken und zu plaudern, hatte ich tatsächlich mehr vermisst, als mir bewusst war.

Ein anschließender Besuch bei Ikea (es gibt türkische Kötbullar!) und zwei Besorgungen für Salim später (und türkische Hot Dogs!) trennten wir uns am frühen Abend wieder, um nachhause zu gehen.

Für mich sollte heute endgültig der Besuch eines Konzertes von Göksu anstehen (es klappte!) und vor meiner Abfahrt wurde mir die Einladung von Yeldas Eltern vorgetragen. Ich konnte noch nicht wissen, dass sich das als nicht ganz unkompliziert herausstellen würde und kaufte daher nichtsahnend Mitbringsel, bevor ich mich auf zum büyük park machte und endlich wieder ein paar alte Bekannte wiedersehen konnte.

Das Konzert war wie immer hervorragend und für mich auch mittlerweile spannender, da ich einen Großteil der Lieder mittlerweile kannte.

Nach großem Hallo und einem Teller mercimek ging es gegen drei Uhr dann aber doch nachhause- der Anstandsbesuch bei Yeldas Eltern sollte ja nicht zwingend von Gähnen beherrscht sein.

5.10.13 13:01, kommentieren

Von Eiswürfeln und nicht hörigen Deutschen

Merke: auch wenn man sich nach einiger Zeit wie ein Fisch im Wasser in diesem Land bewegt, ist der Teufel immer noch ein Eichhörnchen. Wobei ich die aus gegebenem Anlass nicht verteufeln will.

Bei meinem gestrigen Bar-Besuch hatte ich fröhlich die bereitgestellten und in dünne Scheiben geschnittenen Obststücke verzehrt, ohne jedoch auf die dazwischen liegenden Eiswürfel zu achten.

Selbst Schuld, dass ich also nach einer unruhigen Nacht das Bett, bzw. das Sofa hüten musste, bevor ich für weitere Unternehmungen bereit war. Zu dem Wasser hier wurden verschiedene Theorien aufgestellt: ich bin der Meinung das Blei in den Wasserleitungen nicht zu vertragen, Mürsel verdächtigte das Chlor mit dem das Leitungswasser gereinigt wird und Carsten hatte Keime im Verdacht.

Was jetzt letzten Endes für mein Unwohlsein verantwortlich war, bis der vor Liebe für eine Erasmus-Studentin entflammte Fikret mich bat ihm bei der Geschenkesuche anlässlich ihres heutigen Geburtstags, zu helfen, kam ich nicht unter meiner Decke hervor.

Halbkrank rumliegen macht aber nunmal keinen Spaß und da in der Studenten-WG in Bornova eine Geburtstagsparty für Karina, Fikrets Angebetete, geschmissen wurde, sollte der liebeshungrige Mitbewohner von Mürsel selbstverständlich nicht ohne ein Geschenk auftauchen.

So machten wir uns auf den Weg nach Karşıyaka, einem der empfehlenswerten Viertel neben Bornova und Konak, um zunächst seine Freundin Gamze und deren Schwester in deren Frisörsalon zu besuchen.

Bei Tee und Kaffee plauderten wir eine gewisse Zeit, während ich noch an das Geschenk und die fortgeschrittene Zeit dachte, diese Sorgen aber lieber Fikret überlassen wollte, da es schließlich türkische Zeit ist.

Nach jenem herzlichen Abschied und dem Versprechen wiederzukommen machten wir uns sodann erfolgreich auf die Suche nach einem passenden Geschenk. Nachdem ich offenbar zu Fikrets Zufriedenheit eine passable Idee vorzuweisen hatte, bekam ich direkt einen Fenerbahçe-Becher von ihm geschenkt, um mich an diesen ereignisreichen Abend zu erinnern...

Beim anschließenden Tantuni-Essen wurde Fikret langsam drängend, ich hätte ihm auch früher sagen können, dass sein Zeitmanagement lückenhaft ist, hielt mich aber einerseits als höflicher Gast, andererseits mangels Streitlust mit Kritik zurück.

Als ich Mürsel auf der Fähre schrieb, um ihn zu fragen ob er ebenfalls nach Bornova käme, verlor der liebestolle Fikret komplett die Fassung. Umständlich erklärte er, dass unser Gastgeber in Bornova nicht so gerne männliche Gäste sehen würde, was mich wiederum dazu veranlasste zu verkünden, allein mit Mürsel durch Bornova zu ziehen und in Konak statt nach Bornova nach Üçyol zu fahren, um Mürsel abzuholen.

Die Vorstellung mich nun alleine von Konak aus fahren zu lassen (eine Station), ließ einen Streit mitten auf der untersten Ebene der Metro-Station entflammen. Fikret erklärte, dass es ihm unmöglich sei mich alleine nachhause fahren zu lassen, ich entgegnete, dass das sehr wohl möglich sei und ich auf dieses umständliche Hin- und Hergefahre keine Lust habe.

Wenn Salim keine männlichen Gäste haben wolle, wäre das für mich zwar unverständlich, ich könne jedoch nicht meinen Gastgeber bei einem seiner wenigen freien Abende alleine lassen.

Der arme Fikret verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte sich sein Gast dermaßen seinem Willen widersetzen, war es ihm doch unmöglich ebendiesen auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Also zerrte er seinen schimpfenden Gast in die Metro, rief Mürsel an, der mich wenig später amüsiert in Bornova einsammelte. Nun musste sich der arme Mürsel die Geschichte von Fikret fünf mal anhören, nur um diesem zu entgegnen, dass ich sehr wohl in der Lage sei alleine zu entscheiden was ich machen wolle. Gastfreundschaft hin oder her.

Armer Fikret. Da widersprach ihm auch noch sein Mitbewohner. Er wollte doch nur alles richtig machen.

So genossen Mürsel und ich den Rest des Abends bei Livemusik in der Bar 'Sherwood', fuhren dann nachhause und fanden es ganz prima, dass wenigstens wir beide uns einig sind.

4.10.13 11:32, kommentieren

Freizeitgestaltung

Etwas später als geplant und ohne Frühstück, dafür aber mit einem Red Bull, begann der durch die Gewitter abgekühlte Tag sehr gemütlich.

Nachdem ich mich in Ruhe um den Haushalt meines lieben Gastgebers gekümmert hatte, stand dieser auch schon vor mir. Er musste nicht allzu viel heute arbeiten und wollte mir die Schlüssel für die Wohnung vorbeibringen, damit ich unabhängig kommen und gehen konnte.

So zog es mich also nach Konak um, mit immer noch leerem Magen, Zuhause anzurufen (meine Eltern sind viel beschäftigte Menschen, die erreicht man nicht so leicht) und anschließend dem alten Basar einen Besuch abzustatten.

Nach ein paar kleinen Einkäufen sollte ich auch endlich Essen bekommen und musste feststellen: wer in Adana Adana Kebap gegessen hat, weiß dass es nirgendwo anders so gut schmeckt.

Nichtsdestotrotz wollte ich meine Sensationslust nicht mit leerem Magen befriedigen und so ging es anschließend zum Menschen bestaunen in den alten Basar zum Goldschmied Nedjet.

Einige kreative Sitzungen später konnte ich also belustigt im Laden sitzend die Touristen und Einheimischen beobachten, wie sie geschickt, ungeduldig oder manchmal gar nicht, mit ihm um den Preis feilschten, Schmuckstücke anprobierten, kauften oder es eben ließen.

Der bunte Basar mit seinen engen Gassen ist ähnlich systematisch aufgeteilt, wie die Viertel in İstanbul, wie Papa und ich damals feststellten.

Im Hochzeitsviertel sind Brautkleider, Anzüge und Ähnliches zu finden, direkt daran angrenzend Schmuckläden mit zahllosen goldenen Armreifen, die bei keiner richtigen türkischen Hochzeit fehlen dürfen, weiter nebenan finden sich nun Geschäfte mit Einladungskarten und so weiter.

Hat man das System einmal durchschaut und sich einige Eckpunkte gemerkt, ist es leicht sich nicht mehr zu verlaufen.

Einige Tee später schlenderte ich zufrieden über den immer voller werdenden Basar, es schien Feierabendzeit zu sein, tauschte Euros in Lira und drängte mich mit meinen Tüten zwischen die Menschen in das Café von Ömer Usta.

Den angeblich besten Kaffee İzmirs lehnte ich höflich ab, kam aber nicht drumherum mit Ömer Usta einen Tee zu trinken. Er hatte mich schnell wiedererkannt, da die deutschen Austauschkollegen der Polizei Bremen ihn jedes Jahr besuchen und ihm ihre Visitekarte an die Wand hängen. So hing auch noch meine dort, wo ich sie vor einigen Monaten hingehangen hatte und plauderte fröhlich mit dem älteren Herren über dies und jenes, bevor ich mich in einem der im Überfluss vorhandenen Straßencafés niederließ und türkisches Fastfood genoss. Karışık tostu ist ein gleichermaßen einfaches, als auch leckeres Gericht.

Weich getoastetes Brötchen mit Gurke, Käse, Ketchup, Mayo und Unmengen an sucuk. Herrlich. Auch wenn die sich gegen mich verschworenen Katzen mehr sucuk abbekamen als ich. Die waren aber auch herzzerreißend. Und hatten schnell geblickt, dass bei mir viel zu holen ist. Sind halt nicht dumm die türkischen Katzen.

So ein gelassener Tag ist herrlich. Die vielen visuellen Eindrücke, die Gerüche, aber auch das einkaufen hatten ihre Spuren hinterlassen und so wollte ich mich, bevor es in das Nachtleben gehen sollte, noch ein wenig ausruhen.

Göksu, der Drummer einer Band die ich von meinem letzten Besuch kennengelernt hatte, hatte sich mit mir kurzgeschlossen und vorgeschlagen das am Abend stattfindende Konzert in Bornova zu besuchen. Endlich wieder Livemusik!

Doch ich hatte nicht mit dem türkischen Schichtsystem gerechnet. Da Mürsel Zuhause bleiben und für ein Examen lernen wollte, benötigte ich die Hausschlüssel, um ihn nachts nicht zu wecken.

Eigentlich hätte er um zehn Uhr Feierabend gehabt. Eigentlich.

Denn auch um elf Uhr klingelte sein Telefon noch immer nicht. Der Mürsel erlösende Anruf kam um halb zwölf, so dass ich erst eine Stunde nachdem das Konzert angefangen hatte aus dem Haus konnte. Türkische Zeit eben.

Und so verpasste ich leider den Auftritt von Göksu, lernte dafür den Barinhaber kennen und sah mir die später spielende Band an.

Vernünftig wie ich bin, nahm ich mir für den Rückweg ein Taxi und stapfte nicht mitten in der Nacht allein durch Mürsels Viertel und kam daher spät, aber sicher Zuhause an.

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