Von Kakerlaken und Verkehrspolizisten

Den Versprechen, die wir mehreren Menschen gegeben hatten, uns zu erholen, wollten wir auch an diesem Morgen offenbar gebührend gerecht werden. Dem Stress der vergangenen Monate war es auf unterschiedliche Weise möglich von unseren müden Körpern Abstand zu nehmen - während ich den Schlaf der Gerechten schlief, trank Carsten in Ruhe Kaffee, genoss sein neues Buch und so ging es wieder einmal verspätet Richtung Konak, wo wir Ayvalık tostu bei erneut erfrischendem Wind gepaart mit herrlichem Sonnenschein genießen konnten. Der heutige Tag sollte uns zunächst auf den Basar führen, wo ich mich, zu meinem eigenen Erstaunen, auch nach zwei Jahren noch einigermaßen zwischen den zahlreichen, engen und bunten Gassen zurechtfinden konnte, um zuerst in den Genuss äußerst schmackhafter und ebenso kostengünstiger, frisch gepresster Säfte zu kommen. Mir hatte das Gewirr an Menschen, das lautstarke Anpreisen der Waren und die unterschiedlichen Gerüche geradezu gefehlt, während ich andererseits immer wieder mit einem glücklichen Blick zur Seite feststellen durfte, dass mein Mann in den Eindrücken aufging, an diversen Stellen innehielt und die unnützen und gleichermaßen schönen Dinge begutachtete, wie ich es mit der gleichen Neugierde schon hunderte Male zuvor getan hatte. Ein kurzer Besuch bei einem meiner Lieblingsverkäufer bescherte Carsten den ersten von vielen türkischen Kaffees und mir die große Freude die ersten Mitbringsel besorgen zu können. Hier hatte ich schon die Familienketten, als auch die Armbänder für Yelda und İrem anfertigen lassen und mit entsprechendem 'Hallo' wurden wir auch begrüßt. Die weiteren Besuche inmitten von bunter Auslegeware und hektischen Einkäufen der Einheimischen, brachte uns zu Schmuckständen, Cafés und natürlich den Momenten, in denen es erlaubt ist den ganzen Trubel mit Gelassenheit und dem Wissen um die eigene Zeit in Ruhe eben diese Momente auszukosten. In einem meiner Lieblingscafés konnte Carsten den Unterschied zu den Gewohnheiten in Deutschland beobachten und seine Fähigkeit zur Anpassung unter Beweis stellen, als er in weiser Voraussicht den nächsten türkischen Kaffee mit einem Zuckerwürfel im Mund kostete. Der freundliche Türke aus Frankfurt, den wir in den vorangegangenen Stunden bei der Suche nach einem Anhänger für meine neu erstandene Kette kennengelernt hatten, führte uns in den oberen Bereich des Basars, wo die ursprüngliche Verhandlungstaktik, die mein Papa und ich in Istanbul als zuverlässige Strategie erkoren hatten, umgekehrt wurde. Während der freundliche Verkäufer in bestem Hessisch schnell verstand, dass die Dame die Hand auf dem Portemonnaie hatte und fortan mit mir auf Türkisch verhandelte, versuchte der immer noch vom Anblick der schönen Steine begeisterte Carsten also die Herzdame zu erweichen. Gekonnt, nicht gelernt, und so wurden die Verhandlungen erfolgreich fortgesetzt, bevor es zu einem wundervollen, voller Edelsteine befüllten Laden ging und im Anschluss von Klängen traditioneller türkischer Musik zum Mittagessen ging. Der Anblick der saz bewegte Carsten zu einem langen, wenn auch durchaus nicht uninteressanten Vortrag über chinesische und europäische Musik, was weder den Genuss des Mittagessens, noch die gemütliche Atmosphäre minderte, sondern in einem fröhlichem Spaziergang Richtung Alsancak mit einem kurzen Nickerchen endete. Der Abend sollte zwar nicht mit dem äußerst köstlichen Besuch in einem der besseren Restaurants enden, doch sind die bis tief in die Nacht andauernden, emotionalen und ehrlichen Gespräche eher privater Natur, so dass lediglich zwei Lobreden erwähnt werden sollten: Die selbst als hysterische empfundene Reaktion beim Anblick einer Kakerlake, wurde von Carsten mit den liebevollen Worten 'Dafür, dass du Panik hast, hat deine Tonfrequenz in keinster Weise dazu geführt, dass ein Besucher dieses Restaurants auch nur aufgeschreckt wurde!', konnte lediglich durch das Lob getoppt werden, dass ich meinem Mann eine hervorragende Fremdsprachenlehrerin sei und er schon toll sprechen würde. So können Vorurteile gegenüber Krabbeltieren (basierend auf den beruhigenden, erklärenden Ausführungen Carstens über Kakerlaken) und deutschen Türken (ich scheine im Gegensatz zu meinem 'französischen Mann' nach wie vor für eine Deutschtürkin gehalten zu werden) ausgeräumt werden. Alles im Sinne des (internationalen) Verständnis von Fremdartigen. So wie auch Carstens Begeisterung über die fragwürdigen Anweisungen türkischer Verkehrspolizisten oder meiner offen zur Schau gestellten Empörung über Erdoğans Alkoholpolitik (kein Alholverkauf nach zehn Uhr in Kiosken und Läden). Wir lernen. Wenn nicht hier, wo dann?

24.6.15 01:18

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