Spielkälber

Die ausnahmsweise auf beiden Seiten kurze Nacht vermochte der guten Laune und der Vorfreude auf ein gemeinsames Frühstück mit Mürsel und Yelda keinen Abbruch zu tun und so begaben wir uns nach ein paar Lesestunden spontan in eines der nahegelegenen Cafés, um frisch gepressten Orangensaft zum gewohnten Spottpreis direkt am Meer zu genießen. Anlass für die Wahl des besagten Cafés war die Möglichkeit, tavla zu spielen. Kaum hatte er die Aussicht auf einen türkischen Tag, konnte es Carsten zu meiner großen Überraschung kaum erwarten, eines der beliebtesten Spiele der Türkei zu erlernen. Wozu lange fragen, wenn der sonst eher spielfaule Ehemann von sich aus anbietet, sagte sich die erfahrene Ehefrau und schon gingen die ersten konzentrierten Runden los, die Carsten im zweiten Anlauf, mit ein ganz bisschen liebevoller Hilfe, auch glamourös gewann. Genüsslich den türkischen Kaffee und den Orangensaft genießend, hätten wir fast die Zeit vergessen und so mussten wir einen kurzen Sprint zum Taxi einlegen, auch wenn ich mir sicher war, im Sinne von türkischer Zeit das akademische Viertel ausreizen zu dürfen. Wir hatten nur nicht mit dem Taxifahrer mit der kürzesten Aufmerksamkeitsspanne von ganz Izmir gerechnet und so konnte die exakte Adresse zwar gefühlt zehnmal von mir genannt werden, doch half das alles nichts. Offenbar genauso wenig, wie die Hoffnung das vorhandene Navi zu benutzen, da der nicht sehr gesprächige, dafür umso hektischer fahrende Taxifahrer gesamte sieben Mal anhalten, aussteigen und nach dem Weg fragen musste, bevor der schon besorgte Mürsel uns endlich nahe der richtigen Adresse aufgabelte und etwas erbost erklärte, dass Izmirs Taxifahrer einerseits im Gegensatz zu anderen Städten keine Prüfung ablegen müssten, aber zudem überwiegend das vorgeschriebene Navi nicht zu benutzen wüssten. Man lernt ja nie aus. Und da ein viel freudigeres Wiedersehen und begeistertes Kennenlernen bevorstand, war auch diese Erfahrung direkt vergessen, als uns Yelda mit ihrem strahlendsten Lächeln die Tür öffnete. Was nun folgte könnte der objektive Beobachter auch als Fresssucht interpretiert haben, denn nachdem Carsten das türkische Frühstück als das Pendant erkannte, das es ist, nämlich die im Gegensatz zu Deutschland verabredete Zusammenkunft unter Freunden zum Abendessen und mir deutlich anzumerken war, wie sehr ich eben dieses Frühstück vermisst hatte, wurde der untaugliche Versuch unternommen, den gedeckten Tisch vollständig zu leeren. Es ist wie es is(s)t- wir lieben Essen. Besonders das türkische. Und auf Verzicht ist in Flitterwochen nun wirklich nicht zu denken! So folgte mit überfüllten Bäuchen ein fröhlicher Nachmittag mit vielen Fotos der Hochzeit von Mürsel und Yelda, lustigen Anekdoten und dem Austausch lustiger, tiefgründiger und gesellschaftlicher Gedanken. Als Carsten seine Begeisterung über die Größe der türkischen Kaffeebecher zum Ausdruck brachte, schlug die Stunde unserer gut gelaunten Gastgeberin, welche wenige Minuten nach dieser Äußerung Carsten mit strahlenden Augen ihr eigenes Geschenk überreichte- wie sollte es auch bei meinen Freunden anders sein- die junge Ehefrau blickte begeistert in die nicht minder begeisterten, aber auch sichtbar gerührten Augen des Gastes, welcher sein erstes Geschenk entgegennehmen durfte- ein kleines Kaffeeservice. Nicht minder groß war meine Rührung, als Yelda mir anschließend, der Tradition folgend, ein Kopftuch schenkte, welches einer frisch Verheirateten hier überreicht wird, so dass meine Begeisterung keineswegs durch die fehlende Verwunderung geschmälert wurde- bin ich es doch mittlerweile gewohnt im Koffer Platz für Mitbringsel aus Deutschland zu reservieren, wo später ja doch liebevoll ausgesuchte Geschenke von meinen Freunden untergebracht werden. Verwunderung erlebte ich allerdings im Anschluss, als von Carsten ausgehend okey-Bretter auf den Tisch gestellt wurden und im Sinne der taktischen Geschlechtertrennung die Mädchen siegreich über die Jungs aus diesem spaßigen Spiel hervorgehen sollten. Der vergnügliche Nachmittag endete leider mit Mürsels Dienst, der es sich jedoch für seine kleine Schwester, wie er mich vor Jahren liebevoll zuerst betitelt hatte, nicht nehmen ließ, eine Tour nach Efesos und zum Haus der Mutter Maria sowie einen gemeinsamen Besuch am Strand zu organisieren. Zurück in Alsancak boten die hiesigen Bekleidungsgeschäfte Anlass zur Hoffnung: in kürzester Zeit konnten wir zwei herrliche Schlaghosen für mich und ein schönes Hemd für Carsten ergattern, was das beherrschende Thema und festgesetzte Ziel für den morgigen Tag festsetzte: Tod den grauenvollen Skinny-Jeans und der Zielsetzung eines Kleiderschranks voller Schlaghosen näher kommen! Gut gelaunt und voller Dankbarkeit für die Erlebnisse, ging es zunächst zum Ausruhen ins Hotelzimmer, bevor uns der zugegebenermaßen vorherrschende Appetit, nicht der ehrliche Hunger, uns erneut ans Meer trieb, wo wir zu orientalischen Klängen gegrilltes Fleisch kosten und mit Blick auf das tiefschwarz wirkende Meer anregende Gespräche führen und die Zweisamkeit genießen konnten.

25.6.15 00:39

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(25.6.15 10:25)
Ihr macht alles richtig, so weit mir diese Beurteilung zusteht! Jede neue Nachricht aus Eurem Flitterurlaub klingt nach Freude. Und darüber freu ich mich. Auf Euch! Baba

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