Von Touristen und wunden Füßen

Es ist auch möglich, ohne weiße Socken in den Badelatschen, den Bierbauch mit einem schlecht sitzenden Hemd überdeckend und einem übergroßen Sonnenhut auf dem Kopf mit nur einer Handlung seinen Touristenstatus zu offenbaren: man setzt sich zum Frühstücken in die Sonne. Die sofort herbeieilende Kellnerin hatte quasi den Sonnenschirm schon unterm Arm, wo sie doch selbst die zahlreichen im Schatten gelegenen Plätze hätte bemerken können und zu ihrem großen Erstaunen wurde aber eben ein solcher Platz abgelehnt. Touris! Sitzen einfach in der Sonne. Verrückt. Bei einem eher spartanischen, wenn doch leckeren Frühstück, war Carsten die Erinnerung an die Fluff-ähnliche Creme anzusehen, die Mürsels Vater aus Istanbul geschickt und sein Sohn am gestrigen Tage auf den Frühstückstisch gestellt hatte. Für die weniger bezüglich süßer Frühstückszutaten versierten Leser: Fluff ist die Creme, die in Mohrenköpfen zu finden und in Deutschland als Brotaufstrich käuflich zu erwerben ist. Brrrrr. Und eben so etwas Ähnliches scheint es in Istanbul als Spezialität zu geben. Und wenn das in Istanbul eine Spezialität ist, muss es ja gut sein... Dem fröhlichen Frühstück sollte ein ausgiebiger Shoppingtag folgen, schließlich gab es aus gegebenem Anlass die Hoffnung, weitere Hosen zu finden, die eine junge Frau nicht aussehen lassen, als ob sie in eine zu enge Leggings gepresst wurde und mit aller Macht ihre Jugend dadurch wiederfinden will. So ging es also quietschvergnügt in die Zwischenstraßen, vorbei an Obsthändlern, Cafés, Apotheken und für Alsancak erstaunlich viele Ramschläden, während wir zwischendurch immer wieder in einer der kleinen Boutiquen Halt und Beute machten. Ein herrliches Viertel zum shoppen und wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass uns die folgenden Tage sowieso noch nach Bornova und Karşıyaka führen werden, hätte ich mit mehr Vehemenz nach weiteren Hemden für Carsten gesucht, wo doch die heutige Ausbeute hier eher knapp bemessen war: ein weißes Hemd! Aber nach dem Motto: wenn er es dann zumindest trägt und nicht im Schrank hängen lässt, ist es mir mehr als recht und so ließen wir uns zu einer kurzen Pause in einer Bar nieder. Die Ruhe, die wir dort fanden, ist schwer zu beschreiben, denn wenn die vielen Eindrücke von bunten Läden, hupenden Taxifahrern, Ware oder Restaurants anpreisenden Verkäufern und dem ewigen Verkehrslärm erst einmal so selbstverständlich wie Atmen geworden sind, fällt einem erst in den fast ruhigen Momenten auf, wie laut die vorangegangenen Stunden in Wirklichkeit waren. Und so genossen wir inmitten von mit Pflanzen umrandeten Mauern und dem typischen Klacken der tavla-Steine aus dem Café gegenüber unsere Beobachtungen des Treibens in aller Ruhe und Besinnlichkeit. Lediglich ein junger Mann erregte unsere Aufmerksamkeit so sehr, dass wir bei unserer Diskussion ob der Converse-Shop in Alsancak noch existent ist (ich muss ihn finden!) kurz unterbrochen wurde: Ali Glöökler. Wenn tatsächlich jeder Mensch einen Doppelgänger hat, dann haben wir gestern den des Modemachers gesehen! Unfassbar. Vermutlich hieß der junge Mann gar nicht Ali, aber bestimmt nicht Harald und so muss er jetzt damit leben. Meine bald schon verzweifelte Suche nach dem mir so eindrucksvoll in Erinnerung gebliebenen Converse-Shop sollte auch heute ergebnislos verlaufen, doch ich will dem Unken meines Mannes in keinem Fall nachgeben und werde diese Mission genauso erfolgreich abschließen, wie die Jagd auf die Seamaster Rolex mit Papa in Istanbul! Viele Shops, zwei Hosen und weitere unfassbar günstige, wenn doch auf strenge Prüfungen durch Papa basierend, qualitativ deutlich gute Kleidungsstücke später, fanden wir uns zum Essen und Dart spielen in der Kaos Bar ein. War das ein Spaß! Während die Kellner sich merkbar immer mehr über mein Türkisch und ich mich über Carstens Dartfähigkeiten freute, verbrachten wir einen für uns ganz ungewöhnlichen Abend: ohne Reden. Also nicht ganz, aber ohne einen Tagesablauf durchzusprechen, die anstehenden Schulaktivitäten zu diskutieren, den Einkauf oder die Woche zu organisieren und so sehr wir von Herzen gerne Eltern sind, so erholsam empfanden wir beide diese unbeschwerte Gelassenheit. Später am Abend stieß Mürsel noch dazu und zeigte sich mehr stolz als erfreut, dass die Kellner nun zu einer, vorsichtig formuliert, großzügigen Auslegung der Größe der von mir bestellten Drinks übergingen, wo er ja nun eigentlich nichts mit dem Umfang meines Vokabulars oder der, wie die Kellner es ausdrückten, niedlichen Aussprache meiner Wörter zu tun hat. Aber so ist er- wie ein stolzer, großer Bruder und so nahmen uns die Mitarbeiter noch das Versprechen ab, in jedem Fall wiederzukommen, bevor ich endlich meine geliebte Mercimek, eine köstliche rote Linsensuppe, kosten konnte. Dem Himmel sei Dank kennt mein Mann mich gut genug, um die Anzeichen des kurz bevorstehenden Kollapses an seiner Frau zu erkennen und so deutete er meine Kuscheligkeit und das für mich eher ungewöhnliche Beklagen über Schmerzen gepaart mit aufgedrehter Begeisterung über all die wundervollen Eindrücke genau richtig, bestieg mit mir ein Taxi und brachte mich ins Bett, wo ich umgehend überglücklich zusammenklappen sollte.

26.6.15 09:48

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