Lass uns an den Strand gehen vs. Langwitz

Zwei Tage mit begrenztem WLAN können den Informationsfluss schonmal abreißen lassen, aber unsere Tage sollten so fröhlich gestaltet sein, wie es nur geht. Den Morgen verbrachten wir zunächst so romantisch, wie es nur möglich ist: mit Grammatikregeln. Carstens Ehrgeiz, die ersten türkischen Sätze, die er sich schnellstmöglich angeeignet hatte, durch weitere Wörter und Redewendungen zu erweitern, brachte einen vergnüglichen Vormittag, der mit dem Gang zur Apotheke abgeschlossen wurde. Das viele Laufen der letzten Tage hatte meinen Füßen leider arg zugesetzt, so dass die medizinische Versorgung sogar noch vor dem Frühstück erfolgen sollte. Je häufiger ich in die Verlegenheit kam, türkisch sprechen zu müssen, je besser wurde es indes, so dass ich, dankbar über Wundsalbe und Pflaster und Carsten, glücklich über sein Frühstück, über den weiteren Verlauf des windigen, aber sehr gemütlichen Tages sinnierten. Einer der großen Vorteile dieser am Meer gelegenen Stadt ist das angenehm windige Klima, so dass die dreißig Grad nie unangenehm erscheinen und wir uns durch unseren andauernden Aufenthalt nicht verbrennen können. Unser Weg führte uns zunächst wieder auf den Basar, wo ich zielgerichtet in eine der kleinen Nebengassen abbog, um mit Carsten in einem der spartanisch eingerichteten Cafés das neue Lieblingsspiel voranzutreiben. Es braucht keinen Luxus, wenn zwei Holzschemel oder Plastikstühle in einer, mit vor der Sonne schützenden Laken behangenen Gasse stehen, türkischer Kaffee und Wasser gereicht werden und die tavla-Steine klacken, fliegen und das immer gleiche Geräusch der sich neu ordnenden Würfel als einziges die Ruhe unterbricht. Einzig und allein Carstens Begegnung der dritten Art mit dem Besuch der Herrentoilette veranlasste den dann doch besorgten Ehemann angesichts des hohen Wasserkonsums weiterzuziehen- wer eine Toilette hinter einem Kleiderschrank mit einer durch die Schräge bedingte Stehhöhe von 1,60m vorfindet und sich im Dunkeln erleichtern muss, darf zurecht befürchten, dass keine aus meiner Sicht angemessene Toilette vorzufinden sein wird, so dass wir uns alsbald auf dem alten Basar wiederfanden. Noch immer fasziniert von all den bunten, schönen und überwiegend nutzlosen Dingen, besorgten wir bunte, schöne, aber nützliche Dinge für unsere Lieben und kamen nicht umhin unsere verschiedenen Standpunkte bezüglich des Handelns auf türkischen Basaren zu bemerken. Es sind aber unsere Flitterwochen und so sehr es mir immer Freude bereitet hat, die Händler zur Verzweiflung zu bringen, weiß ich doch, wie häufig sie Touristen gnadenlos über den Tisch ziehen, gab ich letzten Endes vor dem Hintergrund, dass Izmir viel, aber keine touristische Stadt ist, nach und unterließ meine durch die vorangegangenen Reisen geübte Verhandlungstaktik. Mal gewinnt man, mal verliert man. Am Hafen von Kondor entlang führte uns unser Weg in das wohl schlechteste Café unserer bisherigen Reise- was dort als sigara böreği angepriesen wurde, war eine Beleidigung jeder türkischen Frau, mir inklusive, so dass man dem Koch, wenn man ihn so nennen darf, das oklava, als das türkische Pendant zum Nudelholz, hätte über den Kopf ziehen müssen. Doch Flitterwochen stimmen milde und die Vorfreude auf Nazim und Mercan, zwei Freunde aus Bremen, die zunächst nach Hamburg und nun vor drei Monaten aus beruflichen Gründen nach Izmir zogen, ließ uns der türkischen Küche gegenüber nach wie vor gnädig sein und nach einer kurzen Rast im Hotel einen schönen Abend verleben. Erleichtert stellten wir aufgrund der Verspätung der Neu-Izmiranern fest, dass nicht nur Taxifahrer, sondern auch Bewohner falsche Ausfahrten nehmen und sich denkbar schnell verfahren können. Doch letzten Endes fanden wir zusammen und konnten doch noch der türkischen Küche wieder vertrauen, als wir im Restaurant über türkische Politik, Wirtschaft und -natürlich- Fußball diskutieren. Anschließend zog es uns erneut in die Kaos Bar, diesmal ohne Dart, aber sehr zur Zufriedenheit der Kellner, die natürlich kein Wort der geschlechtsbedingten, unterschiedlichen Gesprächsthemen verstanden, uns aber während Nazim und Carsten über Biersorten fachsimpelten und Mercan und ich über Kindererziehung diskutierten, fortwährend mit Wein, Nüssen und Bier versorgten. Der lustige Abend endete vermutlich nur zu unserer Zufriedenheit und nicht zu der des Taxifahrers, der uns nachts um drei Uhr aufgrund meiner kaputten Füße die kurze Strecke zum Hotel befördern und dann auch noch aufgrund fehlenden Kleingelds von sich aus auf den vollen Fahrpreis verzichten musste. Am nächsten Morgen ging es für uns nach einer sehr kurzen Nacht ungewohnt früh aus den Federn, da Mürsel mit uns nach Urla fahren wollte, um uns von der so herrlich wärmenden Sonne in das nicht minder aufgewärmte Meer zu bringen. Theoretisch zumindest. Keiner von uns hatte auf die Wettervorhersage geachtet und so fanden sich drei erstaunte Urlauber bei Windstärke Vier, schäumenden Wellen und ohne Sonne in der sonst sehr gemütlichen, für Polizisten und deren Angehörigen eingerichteten Erholungsanlage wieder. Mürsel guckte vermutlich am Verwirrtesten, hatte er doch auf der Hinfahrt nach dem Unterschied von Katholiken, Protestanten und Orthodoxen gefragt und nicht damit gerechnet, dass es Carsten ohne große Mühe möglich ist, einen Vortrag in der epischen Breite zu halten, wie es auch die Studenten meines Papas erwarten dürfen. Der erste Versuch sich zu sonnen stellte sich also als untauglich heraus, so dass ich zunächst Frühstück, Carsten Kaffee und Mürsel nur Wasser bekam. Dem armen Gastgeber war seine Müdigkeit anzusehen, die Gespräche beliefen sich daher eingangs auf das Dienstgeschehen, bis es uns zum tavla Spielen zog, wo Mürsel endlich nach einer 4:0-Führung letzten Endes 5:4 gewann. Großartig! Um unserem Freund ein wenig Ruhe zu gönnen, entließen wir ihn zum Schlafen auf einer der zahlreichen Liegen und starteten unsererseits einen Wettkampf, der mit dem Wunsch des begeisterten Neuspielers endete, auch in Deutschland regelmäßig zu spielen. Da lass ich mich nun wirklich nicht lange bitten! Den armen Mürsel fanden wir immer noch schlafend mitten im gefühlt eisigen Wind vor und fühlten uns angesichts seiner vergangenen, zahlreichen Nachtschichten bei dem Gedanken, ihn zu wecken genauso unwohl, wie mit der Tatsache, dass er sich eine Erkältung holen würde, sollten wir ihn nicht wecken. Einen Ayran und eine Fanta später erledigte sich unsere Besorgnis von alleine, als Mürsel müde, aber gut gelaunt zum Aufbruch rief. Angesichts des anstehenden Regens stimmten wir ein und nach einem typisch türkischen Halt mitten auf der Autobahn, gab es einen spontanen Fahrerwechsel und so lenkte Carsten das Auto fröhlich, wenn auch konzentriert, durch das bunte Izmir. Einen schnellen Klamottenwechsel und Fußverbanderneuerung später, wollte der Spieltag, auch aufgrund des schlechten Wetters, nicht enden. Wir entschieden uns mal wieder für die Kaos Bar in Alsancak, wo wir mit lieben Gesten von den Kellnern empfangen wurden und ich zum ersten Mal ein Dartspiel gewann, worüber ich so glücklich war, dass es selbst für den in Spielen sehr ehrgeizigen Mürsel schwer war, nicht begeistert zu klatschen und sich aufrichtig für den schönen Abend zu bedanken. Der Dank galt jedoch unserem stets bemühten Freund, der uns für den nächsten Tag eine Reise nach Efes und dem Sterbehaus der Mutter Maria organisiert hatte, wo wir das neue Wort 'Langwitz' lernen sollten. Davon aber morgen mehr.

28.6.15 21:16

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