Wie gesagt: Langwitz!

Früh aufstehen im Urlaub darf nur den wichtigen Dingen im Leben gewidmet sein. Kultur zum Beispiel. Um zum gewünschten Treffpunkt mit der von Mürsel organisierten Tour nach Ephesos zu kommen, mussten wir zunächst die nächstgelegene Metro-Station finden, unsere von unserem fürsorglichen Freund geliehene Kent Kart aufladen, ohne die eine Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel unnötig verkompliziert worden wäre und die richtige Metro finden. Klingt schwer? Ist es aber nicht. Durch das der Uhrzeit geschuldeten leere Izmir schlendernd, trafen wir zunächst auf einen der Wärter in der U-Bahn-Station, der erklärte, dass die Aufladestation kaputt sei und der natürlich vom U-Bahnschacht beflügelte Hamburger folgte mir brav in einen der nahegelegenen Kioske, um dort unser als Pendant zur Bob-Karte erhaltenes Stück Plastik mit Geld aufzufüllen. Aber es ging ja wieder untertags und Carsten saß somit glücklich mit mir auf die U-Bahn wartend in Çankaya. Allerdings nicht lang, ist doch die Fahrt nach Üçyol so kurz, wie es in dem für die Anzahl der Stadtteile dieser Landesmetropole mäßig ausgebautem U-Bahn-Netz nur geht. Der erste Gang führte uns zum Bäcker, wo wir neben einem Frühstück zum Mitnehmen auch die Auskunft erhielten, wo wir unseren Treffpunkt finden konnten, was die von mir hier angepriesene Hilfsbereitschaft zutage bringen sollte. Während im Reisebüro nach einem kleinen Missverständnis schnell geklärt werden konnte, dass wir an der dortigen Busstation auf unsere Tour warten mussten, quatschte ich diverse Busfahrer an, um den langersehnten Wunsch meines Mannes, Ephesos und das Sterbehaus der Mutter Maria zu sehen, nicht durch zuviel Gelassenheit zu torpedieren. Den Umstand bemerkend, machte sich ein Mann mittleren Alters zu uns auf, um unser Reiseziel zu erfragen. Eine kurze Nachfrage seinerseits und schon hielt er ebenfalls Ausschau nach dem richtigen Bus und wies uns kurze Zeit später auf einen heranfahrenden Bus hin, versicherte sich erneut beim Fahrer, dass wir richtig sind und schon saßen wir zwischen Einheimischen und einer größeren Schülergruppe aus aller Herren Länder auf dem Weg nach Selçuk. Besonders erfreute mich die Tatsache, dass ich mich offensichtlich gut genug eingelebt hatte, als dass ich in der Lage war, Carsten die wichtigsten Informationen des zwar sehr deutlich, aber umso schneller sprechenden Tourguides zu übersetzen, ohne zugegebenermaßen annähernd an einen Simultandolmetscher heranreichen zu können. Die dann auf Englisch eher kurz gehaltenen Informationen bestätigen mein Gefühl und eröffneten den Touristen ganz neue Wörter, an denen sich die Businsassen erfreuen konnten, wie der gängige Bahnfahrer als Gast der Deutschen Bahn. 'Ei häf to tak in inglisch, beikaus hier ar so meini difrän Langwitzes.' Herrlich. Beim ersten kurzen Stopp konnten wir unser leckeres Gebäck kosten und ahnten noch nicht, dass wir in eine richtige Touri-Tour geraten sein sollten. In Selçuk angekommen, hatten wir nur eine Stunde Zeit, um den Ort zu besuchen, der für uns durch meinen ersten Besuch vor zwei Jahren so wichtig geworden war und so ließen wir uns nicht viel Zeit, dem unter freiem Himmel durchgeführten Gottesdienst beizuwohnen, sondern begaben uns direkt ins Haus, um jeder für sich zu danken und eine Kerze anzustecken. Die Gedanken und die Besonderheit dieses Ortes genießend, tranken wir aus einer der Quellen, die natürlich, sollte man daran glauben, eine jeweils eigene Bedeutung haben, steckten einen Zettel an die mit Wünschen übersähten Mauer und mussten auch schon wieder zum Bus, um kurze Zeit später vor einer, aus deutscher Sicht nicht funktionalen, Warteschlange in Ephesos zu stehen. Gerade einmal 90 Minuten blieben uns, um uns an den teilweise Jahrtausenden alten Monumenten zu erfreuen, die Bibliothek und das nach wie vor und immer wieder aufs Neue beeindruckende Colosseum zu bestaunen. Für einen Moment durften wir Zeuge von dessen Funktionalität werden, als sich aus einer Touristengruppe heraus eine junge Dame löste, sich in die menschenleere Mitte stellte und einen kurzen Part aus einer Oper sang, woraufhin sich eine sofortige Stille über das Colosseum legte und tatsächlich alles zu verstehen war. Den nächsten Stopp legten wir sodann in einem Restaurant ein, wo wir ganze dreißig Minuten zum Essen haben sollten, bevor es in eine Lokum-Fabrik mit angeschlossenem Handel ging, die uns natürlich dreißig Prozent Nachlass beim Kauf ihrer Waren erlassen wollten. Herrje- so sehr ich mich zwar über die Möglichkeit für Carsten seine Vorliebe für diese türkische Süßigkeiten zu erweitern freute, desto mehr wurde uns klar, welche Art von Veranstaltung dieser Tag sein würde. Aber wozu angesichts solcher Umstände lange Gesichter machen, wir fanden unseren eigenen Rhythmus, als wir als nächste Station eine Moschee und dann ein 'Weingut' mit anschließender 'Wein'verkostung anliefen, seilten uns ab und genossen die schöne Aussicht auf die Berge bei türkischem Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft. Die viel wichtigeren Eindrücke aus Selçuk und Ephesos festigten sich auch noch auf der Rückfahrt und der Schlaf kam denkbar schnell über uns. Am nächsten Tag, wir hatten beschlossen es ruhiger anzugehen, war Abhängen, türkische Grammatik und die Möglichkeit, wieder einmal in Ruhe das ein oder andere Thema zu diskutieren, an der Tagesordnung. Alsbald sollte es vom Hunger getrieben nach Bornova gehen, um direkt am Küçük Park Iskender zu genießen und festzustellen, wie unterschiedlich das hiesige Klima ist, sobald man sich vom Meer entfernt. Also ließen wir uns lieber in einem der sich aneinanderreihenden Cafés nieder, um der tavla-Sucht zu frönen, frische Säfte zu trinken und der glühenden Mittagshitze zu entkommen. Braun sind wir bislang wahrlich nicht geworden, wo doch viel schönere Dinge zu tun sind, als am Strand zu liegen, aber als Mürsel uns anschrieb, um uns sein Auto anzubieten, reifte der Wunsch an einem der nächsten Tage nach Çeşme zu fahren, um vielleicht doch einen Tag am und im Meer zu verbringen, so dass wir das Angebot dankend annahmen. Erstaunt darüber, wie schnell die Zeit bei unserem Spiel verging, machten wir uns in einen nahegelegenen Shop, wo wir für Carsten endlich ein paar mehr schöne Sachen fanden, als nur ein Hemd. Den Abend schlossen wir mit einem Besuch in einer meiner Lieblingsbars bei, für die hiesigen Verhältnisse, gutem Wein und schönen Gesprächen ab. Nicht so aufregend wie die vorangegangenen Tage, aber mindestens genauso schön und vor allem erholsam, konnten wir die Rückkehr ins Hotel mit anschließendem kurzen Spaziergang genießen, der durch die Anwesenheit einer wirklich großen Kakerlake und der Erklärung eines vorbeikommenden simit-Verkäufers, dass sie angeblich unter die Haut von Menschen krabbeln und dort Eier legen würden, unterbrochen wurde. Um es, insbesondere für die jüngsten Leser, klarzustellen: Kakerlaken sind nicht gefährlich, sie kriechen auch nicht unter die menschliche Haut und legen dort auch keine Eier. Tun sie wirklich nicht. Wir sind dann aber trotzdem ins Bett gegangen. Solche Geschichten machen sehr müde.

30.6.15 10:10

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