Ne demek!

Unser fröhlicher Morgen war wieder durch das Bloggen, türkisch lernen und lustige Gespräche wie im Fluge vergangen, als es Richtung Konak zum 'Frühstück' ging. Die Wege sind uns mittlerweile so vertraut, dass wir ohne Mühe die Seitengassen nicht nur registrieren, sondern auch die Eindrücke von dort aufsaugen können, wo uns doch die Füße automatisch zum eigentlichen Ziel tragen. Der Vorteil daran zeigte sich schnell, da wir nahezu gleichzeitig vor einer Gasse stehenblieben, die dem ersten Anschein nach einem Bienenschwarm glich, wenngleich es natürlich Menschen waren, die eifrig um die dort aufgebauten Tische schwirrten und die Gäste bedienten. Auf gleiche Art von dem Anblick fasziniert, brauchte es keine zwei Sekunden, in denen unsere ausgetauschten Blicke verrieten, wie gerne der jeweils andere dort essen würde und schon nahmen wir an einem Tisch Platz und wurden auch schon von einem Kellner aufgefordert zu bestellen, bevor wir die Umgebung genauer hätten betrachten, geschweige denn einen Blick auf die nicht vorhandene Speisekarte hätten werfen können. So führte uns der etwas hektisch wirkende, aber sehr freundliche Kellner, in die mitten im Restaurant stehende Küche und erklärte schnell, zwischen türkisch und englisch wechselnd, die verschiedenen Gerichte, wo Carsten sich für köfte und ich mich angesichts dieser wirklich leckeren Köstlichkeit, für yaprak sarma, also gefüllte Weinblätter entschied. Wieder am Tisch, hatten wir Zeit, die, wie üblich in solchen Restaurants, mit Laken zwischen den Häusern behangene Gasse ein wenig genauer zu betrachten. War das, trotz aller durch die Kellner verbreitete Hektik, gemütlich! Das ebenso schnell gebrachte, wie bestellte Essen war wirklich köstlich und die Gespräche über vorangegangene Urlaube konzentrierten sich insbesondere auf diese Art des Entdeckens, bekommen wir doch aufgrund der Abwesenheit anderer Touristen hier sehr ungefiltert das Leben der Menschen mit. Aber nicht nur das Neue für Carsten, auch die neuen Wörter für mich, gestalten unsere Flitterwochen sehr interessant, musste ich doch beim Bezahlen ein wenig über das 'Ne demek!' des Kellners nachdenken, das ich, aus meinem eigenen häufigen Gebrauch heraus, als 'Was bedeutet ...?' kenne. Doch unsere weitere Reise durch Konak, mit dem Überqueren einer der Hauptverkehrsstraßen über die Metro-Station, vorbei am Polizeigästehaus und der Suche nach dem Asansör (Fahrstuhl), ließen mich diese Redewendung zunächst vergessen. Eine Nachfrage bei einem freundlichen Taxifahrer später, wussten wir, wie richtig wir bislang gegangen waren und fanden uns alsbald in der Dario Moreno gewidmeten Straße wieder, die zum Asansör führt. Herr Moreno, ein populärer Sänger, der in Izmir gewohnt und in Istanbul gestorben war, wurde sogleich musikalisch von meinem Mann versucht, einzuordnen, er vermutete eine Ähnlichkeit zu Django Reinhardt, was sich im weiteren Verlauf des Tages zwar als falsch herausstellte, jedoch, da ich weder den einen, noch den anderen kenne, für mich erst einmal plausibel klang. Am ursprünglich für Kranke und Schwangere erbauten Fahrstuhl angekommen, fuhren wir flugs nach oben, um die Aussicht über Izmir zu genießen und nach diversen, unauffällig durchgeführten Sicherheitsüberprüfungen, traute ich mich auch weiter hinaus auf die Plattform, um die Größe und Weite dieser Stadt zu bestaunen. Bei einem kleinen Spaziergang entdeckten wir ein schattiges Plätzchen, ließen uns auf der Bank nieder und genossen die Aussicht und einigten uns darauf, dass Izmir, wie nahezu alle Großstädte weder schön, noch von einem architektonisch sehenswerten Stadtbild geprägt ist, es sei denn Satellitenschüsseln zählen in die Neumoderne. Und doch war es mir nicht entgangen, wie Carsten mit einem sehr liebevollen Blick auf diese Stadt sah, als wir am Meer entlang unseren Rückweg antraten. Natürlich ist es meine Affinität, die ihn großzügig auf die Dinge blicken lässt, die sich uns hier bieten, doch merkte er selbst an, dass er die Liebe zu dieser Stadt nicht nur verstehen, sondern längst selbst entwickelt hatte, ist es doch schwer, sich dem Treiben und dem Zauber dieser Metropole zu entziehen. Es sei denn, man möchte einfach nicht. Zurück in Konak entdeckten wir einen von uns noch nicht frequentierten Teil des Basars, ließen uns treiben, entdeckten hier und da neue Geschäfte und betraten auf Carstens Drängen hin ein Geschäft, in dem er eine rote Schlaghose gesehen hatte. Ein Hemd für meinen glücklichen Ehemann, eine rote Hose für mich und eine irritierte Nachfrage eines Verkäufers bezüglich meiner Nationalität später, stand Carsten also vor gefakten Chucks, bei denen er schnell feststellte, was ich mich nicht traute zu sagen: natürlich sehen sie heutzutage täuschend echt aus, wo doch die Türkei, sehr zum Leidwesen meines Vaters, weg von den Nike-T-Shirts mit Adidas-Streifen ist, doch ist das Fußbett mit ungefähr soviel Präzision gearbeitet, wie türkische Zeitangaben. Also ließen wir die Chucks stehen, in der Hoffnung bei unserem Besuch in Karşıyaka endlich einen Converse-Shop zu finden und gerieten über diverse Nebengassen in eines der größeren Modegeschäfte der Türkei. Ein Attribut, welches ich eigentlich ausschließlich bei Männern meinem Papa zugeordnet hätte, hatte ich unlängst an meinem Mann bemerken können: die aufrichtige Freude am shoppen. Ein Klischee, ohne Frage, aber bis auf Carsten und Papi kenne ich tatsächlich nicht einen Mann, der mit so einer großen Begeisterung Klamotten kaufen geht. Offenbar schien der ausgesprochen, uns auf jedes Stockwerk begleitende und unsere erstandenen Kleidungsstücke tragende Verkäufer, von einem ähnlichen Klischee eingenommen zu sein und so betrachtete er offen erstaunt seine neugewonnenen Kunden und wurde auch nicht müde, allen anderen Verkäufern von uns wenig verdeckt, eher lautstark, zu erzählen. Dabei sollte eins klargestellt werden: wären wir in Deutschland mit der gleichen Anzahl, wie schon gesagt nach Papas strenger Prüfung, ordentlich verarbeiteten Kleidungsstücken aus einem Laden gegangen, hätten wir das Drei- oder Vierfache gezahlt. Das konnten und wollten wir dem verdutzten Verkäufer genauso wenig erklären, wie die Tatsache, dass hier zwei Schlaghosenfans in ihrem eigenen Paradies waren, wenngleich sich die Einkäufe für Carsten auf Hemden und T-Shirts beschränkten- auch in der Türkei müssen Männer noch in engsitzenden Storchenbeinhosen herumlaufen. Zufrieden über das ungeplante Einkaufserlebnis bedankte ich mich bei unserem Helfer, der mit einem begeisterten 'Ne demek!' seine Freude über unseren Besuch zum Ausdruck brachte, als mir endlich bei einem Kaffee einfiel, dass diese Form nicht nur 'Was bedeutet das?' im Sinne einer Frage, sondern vielmehr eine höfliche Bekundung wie 'Wofür denn?/ Selbstverständlich.' ist. Wieder was gelernt! Im Hotel erholten wir uns ein wenig, bevor wir den Sonnenuntergang am Meer bestaunen wollten. Leider war letzterer durch ein paar kleine Wölkchen nicht so imposant, wie der fleißig mit mir flirtende 3jährige, aber es ist ja nicht unser letzter Abend gewesen. Hungrig, aber glücklich, trafen wir uns ein paar Straßen weiter mit Mürsel, der uns nicht nur sein Auto für die nächsten Tage zur Verfügung stellte, sondern Carsten auch sogleich bat, ihn durch den immerwährenden Verkehrs Izmirs hindurch zur Arbeit zu bringen. Gesagt, getan und so beschlossen wir den Abend später als geplant in einem nahe der Hauptverkehrsstraße gelegenen Restaurant, das wir uns schon vorher ausgeguckt und als besonders einladend empfunden hatten. Unser Eindruck sollte nicht täuschen, die köfte zerfielen geradezu auf der Zunge, Carsten genoss sein Fleisch erstaunlich langsam, ist er doch der Schnellesser von uns beiden und der Kellner erfreute sich an unserem Interesse an seiner Kultur, als er nach mehreren Nachfragen bezüglich meiner Vorfahren herausfand, dass es keinen türkischen Bezug väter- oder mütterlicherseits gibt. Mit einem Glas Wein für mich und einem kühlen Efes für Carsten ließen wir den Tag am Wasser bei Live-Musik ausklingen, lachten über die Hartnäckigkeit der herbeieilenden Straßenverkäufer, beobachten einmal mehr erstaunt die Missachtung der Musiker, wenn am Ende eines Stücks einfach nicht geklatscht wird, animierten die anwesenden Besucher wiederum durch hartnäckiges Klatschen und schlenderten müde, aber glücklich zurück auf unser Zimmer.

1.7.15 11:49

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