Sommer, Sonne, Sonnenschein

Jeder kennt den Moment, wenn ein unbekanntes, aber sehr durchdringendes Geräusch den eigenen Schlaf komplett abrupt beenden lässt. Bei uns war es das wahnsinnig laute Telefon, das in einem unangenehmen Rhythmus, als auch ungewohntem Ton schellte. Jeder kennt auch den Moment, in dem man durch einen weiteren Umstand sofort wach ist, sei es der Blick auf die Uhr und die Feststellung verschlafen zu haben oder, um nicht nur Negationen aufzuführen, dass endlich Weihnachten ist. In unserem Fall war es weder die Uhrzeit, noch der Weihnachtsmann, es war Mürsel, der erklärte, wir müssten umgehend das Auto wegfahren, da es sonst durch die Polizei abgeschleppt werde. Noch nicht richtig Herr seiner Sinne, sprintete Carsten gen Leihfahrzeug und ich klärte verdutzt mit dem sich für die frühe Störung immer wieder entschuldigenden Mürsel, warum das Auto, welches selbstverständlich auf einem regulären Parkplatz stand, nun so dringend wegmüsse. Eine Demonstration stand an und da Carsten einfach nicht wiederkam, machte ich mich auf die Suche, deren erster Halt bei einer Verkehrspolizistin sein sollte, die meine Notlage oder besser gesagt, die von mir befürchtete Notlage meines Mannes ausgesprochen kalt ließ und die mir verdeutlichte, dass es nicht ihr Problem sei, dass mein Mann kein Türkisch spreche. Carstens Lerneifer in allen Ehren- ich machte mir keineswegs Sorgen, dass er verkehrsbedingt in Schwierigkeiten geraten könne, ist er doch schon länger als ich und in deutlich mehr Großstädten Auto gefahren- meine Befürchtung stützte sich vielmehr darauf, keine Straßenschilder und Verkehrszeichen lesen zu können, da Parkeinschränkungen hier gerne wortreich, nur eben auf Türkisch, beschrieben werden. Da die Polizistin mir keine Hilfe war und mir auch nicht sagen konnte, wo Carsten abgebogen war, wollte ich wieder auf unser Zimmer, um zu überprüfen, ob sich ein Anruf auf dem Handy meines Mannes lohnen würde oder er es in der Hektik hatte liegen lassen. Auch dieses Vorhaben stellte sich als eine Einbahnstraße heraus, da meine Karte für unsere Zimmertür, bestimmt, wenn ich näher hingehört hätte, von hämischem Gelächter begleitet, die Tür nicht mehr öffnete. Gerade als ich etwas überrascht über diese Wendung ein Stoßgebet gen Himmel schicken wollte, kam Carsten, sich für die Verspätung entschuldigend, um die Ecke und ich lauschte erleichtert den etwas erbosten Schilderungen über die Parkplatzsuche. Zumindest hatte sich unser kleiner Sprachkurs so gelohnt, dass Carsten einem Restaurantbesitzer erklären konnte, dass wir mit dem Auto nach Çeşme wollten, aber es keine Parkplätze gebe, woraufhin der Besitzer Carsten einen privaten Platz für zehn Lira (dieser Halsabschneider!!!!!!) zur Verfügung stellte. Ohne mich nun über dieses Ausnutzen der Situation meines Mannes aufzuregen, zog ich mich umgehend um, um endlich in der Sonne am Strand zu liegen. Die Fahrt nach Çeşme ist seit dem Ausbau der Autobahn ebenso schön wie einfach, überwiegend entlang des Meeres, wodurch der geneigte (Bei-)Fahrer der immer aufs Neue erstaunlichen, monumentalen Größe dieser Stadt gewahr wird und die über Berge hinauf inmitten durch immer grüner werdende Landschaften führt, bis man den Hafen von Çeşme erreicht. Die Veränderungen des, gerade für die Großstadttürken, aber auch in den letzten Jahren vermehrt für Türken aus Deutschland, als Ferienort genutzten Städtchens, fielen mir eingangs nicht bewusst auf, half ich doch meinem Fahrer bei der Strandsuche, doch dass etwas nicht stimmte, spürte ich deutlich. Am Strand angekommen, bemerkten wir nicht unwirsch die zahlreichen Wolken am Himmel, aber mein mich stets begleitender Optimismus sollte Recht behalten: alsbald verzogen sich die Wolken, wir brutzelten geradezu in der Sonne (ein belustigter Blick auf den Bikini, der sich auf meiner Haut abzeichnete, als ich ihn eben nicht trug, bestätigt das nach wie vor) und genossen das kühlende, kristallklare Wasser zwischen den immer zahlreicher angereisten Touristen. Am späten Nachmittag zog es uns in den Stadtkern, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ich, entgegen der Gabe meines Mannes, es nicht schaffe mich einmal am Tag mit Essen geradezu vollzustopfen, um dann den Rest der verbliebenen Stunden ohne Hungergefühl verbringen zu können. Ich bin mehr der altmodische 3-Mahlzeiten-pro-Tag-Typ. Ohne Stopfen. So fanden wir ein schnuckeliges Fischrestaurant, wo wir Calamares und köfte serviert bekamen. Zu meinem großen Erstaunen, erklärte Carsten nur dreimal so köstliche Calamares gekostet zu haben: Bei einem Griechen in Hamburg, in Köln und einmal hier, was mich zum Probieren animierte und entgegen meiner sonst eher deutlich ausgeprägten Abneigung gegenüber Meerestieren ein wohlwollendes Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Das war kein salziges Gummi, auf dem ich herumkauen musste, bis es endlich einigermaßen verdaufertig war, das war wirklich köstlich. Gestärkt und gut gelaunt zog es uns in den malerischen Ort, wo mir endlich auffiel, was sich verändert hatte. Noch vor fünf Jahren hatte bei meinem letzten Besuch eine überschaubare Menge an Segelbooten vor Anker gelegen, nun waren diese vor allem in ihrer Anzahl verzehnfacht, aber auch noch von kleinen Luxusjachten umgeben. Die niedlichen, aber wenig vorhandenen Boutiquen waren zahlreichen, wenn auch äußerst geschmackvoll aufgemachten Geschäften gewichen und wo früher ein Sandkasten war, erstreckte sich nun ein kleiner Vergnügungspark für die angereisten Kinder. Auch die Anzahl der kleinen Verkaufsstände hatte sich verringert und wurde durch schicke Lokale ersetzt. Immer noch wunderschön, geradezu eben malerisch mutete der sich uns bietende Anblick an, doch war ich mir nicht sicher, ob ich dieses 'türkische Cannes' ebenso charmant finden würde, wie ich den natürlichen Anblick dieses Ortes vor Jahren in mir aufgesogen hatte. Die Suche nach einem Motiv, das ich 2010 eben hier fotografiert hatte und nun über Leonis Bett hängt, verlief leider ergebnislos, so dass ich verstimmt über die Veränderungen, aber doch ein wenig verzaubert über die wunderbaren neuen Motive, glücklich einstimmte, als Carsten in seiner ihm anzumerkenden Begeisterung vorschlug, den aus Sicherheitsgründen im Hotel zurückgelassenen Fotoapparat am nächsten Tag einzupacken und noch einmal hierher zu fahren. Zufrieden machten wir uns auf den einfachen Rückweg nach Izmir, wo wir inmitten in die Gedenkdemonstration der Opfer von dem 1993 in Sivas durchgeführten Abschlags gelangten. Mir wird immer noch ein wenig mulmig, wenn ich die Bereitschaftspolizisten mit ihren Wasserwerfern und Maschinenpistolen sehe, fühle ich mich doch sehr schnell in die Zeit vor zwei Jahren zurückversetzt, wo ich gemeinsam mit so vielen Menschen für die Rechte der Demonstranten in Istanbul demonstriert, gehofft und mitgefiebert habe. Vor dem Hotel wurde uns über einen der Angestellten eine Parkmöglichkeit eröffnet und mit noch nassen Haaren erhielt ich einen erlösenden Anruf eines Staatsanwalts mit der Nachricht der Verurteilung aus dem für mich wichtigsten Verfahren. Die Höhe der Verurteilung, die Begründung und alles was sich aus den kurzen Schilderungen des Mannes ergab, der so lange gemeinsam mit mir an diesem Fall gearbeitet hatte, ließen Carsten und mich ordentlich feiern. Selten, wirklich nur selten, kommt das Recht der Gerechtigkeit sehr nahe. Bei einem mehr als späten, aber immer noch glücklichen Abendessen kündigte mein Mann das an, was er sich seit wir hier sind schon lange vorgenommen hatte: selbst seine Eindrücke unseres Aufenthalts zusammen zu fassen. Und eben diese Eindrücke folgen jetzt: Gebt mir meinen Sohn zurück! Ich reise mit meiner Türkisch sprechenden Frau in einer wundervollen, touristisch nicht erschlossenen Gegend im Dunstkreis einer wundervollen, touristisch nicht erschlossenen Großstadt. Das hat diverse Vorteile. Z.B. dass man mich gelegentlich für einen Franzosen hält. Wenigstens in Alsancak, wo das französische Konsulat um die Ecke liegt. Wenn wir uns im Schatten aufhalten und mal keinen Rucksack samt Kamera dabei haben, gehe ich optisch offensichtlich auch als Türke durch, bis ich meinen Mund aufmache. Meine Frau ist natürlich Türkin. Bis sie ihren Mund aufmacht, dann ist sie Deutschtürkin und ich ihr deutscher Mann. Das Tolle an den Türken ist, dass ihre glühende Liebe zu ihrem Land ihr Herz jedem gegenüber öffnet, der offensichtlich versucht, sich Ihnen gegenüber in der Landessprache verständlich zu machen. Wie ich natürlich. 'Gucken du, geben dich Kaffee Wasser mal und' oder so ähnlich. Freundliches Lächeln sowie kleine Aufmerksamkeiten sind mir gewiss. Wenn meine Frau Türkisch spricht, klingt das für mich, als würde sie nicht nur die Bestellung aufgeben, sondern darüber hinaus die Zubereitung der Speisen erörtern und ein intensives freundliches Gespräch führen sowie die unverständliche Bestellung ihres Mannes geraderücken. Daher wunderte ich mich anfangs etwas über die, wie ich es empfand, höfliche Reserviertheit des Personals. Bis ich verstand, dass das Vorstellungsvermögen des Türken nicht ausreicht, sich auszumalen, dass eine Deutsche aus reiner Liebe zu diesem Land die Sprache lernt. Vielmehr ziehen sie den logischen Schluss, dass es sich um eine 'Deutschländerin' handeln muss, was die geläufige Übersetzung dieses wenig schmeichelhaften Begriffs ist. Aber neugierig sind sie dann ja doch. Vor allem, weil sie es nicht gewohnt sind, als Kellner, Verkäufer oder ähnlich wenig angesehene Werktätige so sonnig bequatscht zu werden. Also fragen sie nach. Und fallen aus allen Wolken, wenn sie erkennen, dass die Vorfahren meiner Gattin vielleicht der Bartholomäusnacht, jedenfalls nicht der Armut Ostanatoliens entflohen sind. Zack, Türke begeistert und meine Frau die Größte. Und dann gibt's Obstteller. Geht doch. Man kann es übrigens auch als 'Deutschländerin' in der Türkei weit bringen. Als Schauspielerin in einer Mittelalterschmonzette als Haremsdame. Und einen der offenbar berühmtesten Sätze der Fernsehgeschichte zu sagen: 'Gebt mir meinen Sohn zurück!'

3.7.15 10:28

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(3.7.15 10:50)
Ein erster, wirklich gut formulierter Versuch, Carsten! Bist Du auch so schnell auf der Minitastatur wie Katharina? Viele Grüße aus dem ungewohnt heißen Bremen. Susanne

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