Ein ganz bisschen Demut...

...hat noch niemandem geschadet. Wie eingespielt ging es morgens ans Bloggen, Türkisch lernen und auch in eine Diskussion über das neueste literarische Werk meines ehemaligen Kriminalistikdozenten, ohne dabei die angehende Tagesplanung aus den Augen zu verlieren. Ohne dem gleich gearteten Schuhfanatismus einer meiner Freundinnen nacheifern zu wollen, muss ich eine gewisse Obsession bezüglich eines Schuhladens eingestehen, denn hier finden sich Schuhe und Taschen, wie ich sie nirgendwo in den durch mich bereisten Ländern gefunden hätte: in liebevoller Handarbeit gefertigte Schuhe mit individuellen Schriftzügen, Mustern und Bildern. Mein dem Kaufrausch ebenfalls verfallener Ehemann ermöglichte mir den Kauf zweier Paar Schuhe und einer Tasche, über die ich den gesamten Tag hinweg so glücklich war, dass es für Carsten kaum möglich war, mit dem Strahlen genauso das sonnenintensive Izmir zu erhellen, wie die ihm gegenüber sitzende, oftmals fälschlicherweise als Almancı bezeichnete Frau. Kurze (türkische) Zeit später, geleiteten Yelda und Mürsel uns entlang des Meeres nach Alsancak, wo wir gut gelaunt Pizza, Hühnchenspieße und, wie üblich, sparsam gesalzene Pommes kosteten. Zum ersten Mal in den zwei Wochen, die Carsten auf mindestens ein weiteres Jahr verlängern möchte, bekam ich bei Starbucks einen Milchkaffee, als unsere wohlwollende Unterhaltung durch Mürsels Anmerkung, er müsse zum Nachtdienst, einen traurigen Beigeschmack erhielt- zu sehr liebe ich meine über die Jahre andauernde Freundschaft zu diesen liebevollen Menschen und Carsten in seiner Begeisterung für eben diese Freunde zu sehen, ist für mich, ähnlich wie Papas und meine Reise nach Istanbul, der Schlüssel zu meinem Herzen. So kam es zu einem emotionalen Abschied mit dem ernstgemeinten Versprechen wiederzukommen und unsere Freunde nach Bremen zu holen, was für türkische Staatsbürger wesentlich schwieriger ist, als umgekehrt. Den Abend wollte Carsten in unserer liebgewonnenen Kaos Bar bei Dart und Snacks verbringen, was nicht nur zu einem freudigen Wiedersehen mit unseren, von ihrer für sie ungewohnt höflichen Art begeisterten Kellnern, sondern auch zu spannenden Wettkämpfen führte. Kellner, als auch andere in diesem Land nicht mit entsprechenden Einstellungsvoraussetzungen, bedachten Arbeiter sind hier Anerkennung nicht so gewohnt, wie vielleicht anderswo. Und so wurden uns, wie schon so oft, Kleinigkeiten kredenzt, die der durch uns aufrichtig geschenkten Aufmerksamkeit geschuldet waren, so dass wir nicht nur einen vergnüglichen Abend verbringen, sondern Carsten auch endlich midye, türkische Muscheln, kosten konnte. Der krönende Abschluss aber war der Moment, in dem die Kellner einige, vermutliche fehlerhafte Sätze auf der Dart-Tafel vorfanden und ungläubig nach dem Adressaten fragten. Als ich ihnen erklärte, dass der auf der Tafel etwas hilflos formulierte Dank ihnen gelte, passierte eben das, wovon ich seit Jahren berichte: in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Rührung rannte der erstbeste Kellner los und überreichte uns mit einem freudigen Strahlen im Gesicht zwei Kaffeebecher der Bar. Wer jetzt denkt, dass zwei Becher im umgerechneten Wert von maximal zehn Euro keine Besonderheit sind: wo in Deutschland wird ein im gebrochenden Deutsch sprechender Ausländer überhaupt mit Freude über sein Bemühen die Landessprache zu erlernen, auf seine Herkunft, sein Interesse an dem Land oder überhaupt lobend angesprochen? Und wer schenkt zwei Ausländern aus Begeisterung über ein paar in der Muttersprache gestotterten Sätze ein Andenken? Wir können uns von dieser aufrichtigen Begeisterung und Gastfreundschaft mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Vielleicht bedeuten Kaffeebecher nicht die Welt. Aber sie bedeuten in diesem Zusammenhang etwas viel Wichtigeres: Menschenfreundlichkeit. Allein deswegen, aber auch wegen der zahlreichen, weiteren, wundervollen Erfahrungen, ist es mir eine Freude mitzuteilen, was mein Mann sich innig wünscht: nächstes Jahr wiederzukommen. Ich werde die letzte sein, die es nicht zu ermöglichen versucht. Ich bin jedes Mal dankbar für jede Begegnung. Und es ist eine Freude diese Dankbarkeit zu teilen!

5.7.15 00:59

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